28. Okt 2015
VON: ISABEL MÜHLFENZL

Panta rhei – alles fließt

Im vierten Teil unserer Artikelserie zum Thema Asylpolitik erläutert Dr. Isabel Mühlfenzl, Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung, ihren Standpunkt: "Die Generation des Wirtschaftswunders ist Geschichte – das Deutschland von heute wird zum Altersheim. Die Einwanderer schützen uns vor der Vergreisung."

Die Welt beginnt zu brennen. Aber wir wollen es noch nicht zur Kenntnis nehmen und sehen nur den Augenblick. Die Weltgeschichte klopft an unsere Tür, und wir öffnen nur das Küchenfenster – und das nur einen Spalt. Wir wollen nicht gestört werden bei Schweinebraten mit Sauerkraut, bei Kaiserschmarrn und Apfelstrudel – nichts soll sich ändern in unserer Welt. Weltgeschichte hin oder her: „Mia san mia“ – und das wollen wir auch bleiben! Wir sind selbstverliebt und ruhen uns auf unseren Lorbeeren aus – was haben wir doch alles geleistet. Was schert es uns, dass die Welt da draußen sich verändert, dass diese Welt aus den Fugen gerät?

Doch wir können uns nicht länger vor der Welt verschließen. „Panta rhei“, sagte der griechische Philosoph Heraklit um 520 vor Christus, also vor rund 2500 Jahren: „Alles fließt“ – alles bewegt sich fort, und nichts bleibt. Deshalb können wir auch dieses Bayern, das alle lieben, nicht so erhalten, wie es ist. Es gibt keinen Status quo, die Welt lebt von der Veränderung. Wer nicht mitmacht, bleibt zurück und landet im Zoo der Erinnerung und wird neugierig betrachtet als Überrest einer alten Welt. Schon im vergangenen Jahrhundert schreckte der Historiker Oswald Spengler die Bürger auf mit seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“. Heute, fast 100 Jahre später, halten wir das für einen Scherz oder eine Provokation. Wir wollen keine Veränderung – wir sind doch fabelhaft.

Von der Leistungsgesellschaft zur Anspruchsgesellschaft

Aber schauen wir in den Spiegel der Realität. Wir sind eine alternde Nation und vergreisen langsam. Die Endfünfziger beherrschen das Feld – keine Krähe soll krächzen, kein Hahn soll krähen, keine Frösche sollen quaken, und die Hunde sollen nur zu bestimmten Stunden bellen. Die Kinder sollen woanders toben, nichts soll die Ruhe in unserem Altersheim stören. Das ist der Status quo, den wir halten wollen, aber nicht halten können.

Wir haben uns selbst in unsere Krise hinein manövriert. Die Deutschen sind lustlos geworden, anspruchsvoll und lethargisch. Sie wollen keine Verantwortung mehr tragen und haben dem Staat mehr aufgebürdet, als er leisten kann. „Dieses Land sucht sein Heil nicht in der Zukunft, sondern in der Reha-Klinik. Es ringt nicht mehr mit dem Schicksal, sondern nur noch mit dem Rollator – wahlweise ausgerüstet mit Korb und Stockhalter oder mit gepolsterter Unterarmauflage. Die letzten Fragen drehen sich darum, ob man sich beim Treppenlift für den Sitz-, Plattform – oder Hublift entscheidet. Und der einzige Weg, um den es geht, ist der ins nächste Sanitätshaus“, schrieb Jakob Augstein am 5. Oktober 2015 in „Spiegel Online“. Nun kommen die Flüchtlinge als Retter unserer Langeweile.

Wir haben zwei Alternativen: Entweder wir bleiben, wie und was wir sind, vergreisen langsam unabhängig davon, was draußen passiert, werden immer ruhiger mit immer weniger Phantasie und Elan, ruhen uns auf unseren Lorbeeren aus, solange wir sie noch haben, und werden immer weniger. Unsere Gesellschaft ist satt und selbstzufrieden, egozentrisch und immer seltener dynamisch und innovativ. Man will so weiter leben wie bisher, ohne Probleme und ohne Anstrengung. Eine gefährliche Lethargie breitet sich aus. Wir haben immer weniger Kinder, die immer fetter, verwöhnter und anspruchsvoller werden. Kinder, die vom Leben fordern aber nicht daran denken, etwas leisten zu müssen. Aus der Leistungsgesellschaft im Sinne Ludwig Erhards wurde die Anspruchsgesellschaft. Früher kam zuerst die Leistung, dann der Anspruch – heute kommt zuerst der Anspruch und dann widerstrebend die Leistung.

Die Chance zur Verjüngung Europas

Unsere Zukunft bedeutet deshalb: nichts Neues, keine Anstrengung, kein Interesse daran, dass sich die Welt um uns total verändert hat und sich mit der gegenwärtigen Schnelligkeit und im gegenwärtigen Tempo verändern wird. Es kann nicht lange dauern, dann sind wir draußen, weil wir nicht Schritt halten mit der sich verändernden Welt. Wir können uns nur kurzfristig abschotten, irgendwann ereilt es uns. Aber dann sind wir vielleicht schon zu schwach und nicht mehr in der Lage, uns zu verteidigen und mitzumischen bei den Großen der Welt. Die Geschichte hat zahllose Beispiele dafür, wie Völker verschwinden, wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind und sich nicht mehr anpassen und verteidigen können, weil sie zu schwach sind.

Die andere Alternative lautet: Wir ergreifen die Chance und stellen uns der Veränderung, öffnen uns der Realität und sehen die Welt, wie sie ist, nehmen zur Kenntnis, dass sich zur Zeit Millionen Menschen auf den Weg machen, ihre Zukunft woanders zu suchen – auch bei uns. Es kann unsere Chance sein: Wir nehmen die Jugend der Welt in unsere Welt auf und werden dann wieder teilhaben können an der Zukunft, die uns ansonsten in unserer Trägheit verschlossen bleiben wird. Das heißt aber auch, dass wir nicht mehr die Gleichen sein werden. Wir werden uns vermischen mit Menschen, die anders aussehen, die aus anderen Kulturkreisen kommen. Wir werden uns mit anderen Kulturen auseinandersetzen und angleichen, vielleicht als Volk ein wenig anders aussehen. Papst Franziskus sagte neulich: „Der Herr möge uns helfen, keine Festungsgesellschaft zu sein, sondern eine Familiengesellschaft, bereit zur Aufnahme.“

Wir haben die Möglichkeit, wieder jünger und innovativer zu werden, uns der veränderten Welt anzupassen, in ihr zu leben und von ihr zu profitieren, in ihr ums Überleben zu kämpfen. Wir werden nicht mehr ganz „mia san mia“ sein – aber es wird uns noch geben, ein bisschen anders vielleicht, aber wieder dynamisch und tüchtig und den Gefahren der Zukunft gewachsen. Richtig angepackt wäre das eine große Chance zur Verjüngung Europas – eines Europa, das in der Gefahr lebt, zum Altersheim zu degenerieren.

Mein Traum – meine Vision

„You’ve got to have visions“, sagte mir ein dunkelhäutiger amerikanischer Taxifahrer vor Kurzem in New York, sonst schaffst Du es nicht. Er hatte Recht. Die neue Welt braucht neue Ideen – wir brauchen wieder Visionen. Auch Ludwig Erhard hatte Visionen, als er gegen den Mainstream kämpfte und das Wirtschaftswunder schuf (er konnte das Wort „Wirtschaftswunder“ nicht leiden, denn er sagte, es war kein Wunder, sondern die Leistung jedes einzelnen Bürgers). Auch wir könnten es schaffen, wenn wir wieder dem Einzelnen vertrauten und seine Eigeninitiative stärkten.

Eine Verjüngung würde Europa, das bald nur noch in der Vergangenheit lebt, zu neuer Stärke verhelfen – ein neues Europa mit jungen dynamischen, innovativen, freiheitsliebenden Menschen, die wieder mehr Markt schaffen und persönliches Engagement zeigen, die wieder Verantwortung übernehmen und nicht alles dem Staat zuschieben. Kurz, ein neues Wirtschaftswunder im Zeichen der digitalen Revolution, die ohnehin wieder ein neues Menschenbild verlangt. Statt träge auf der Couch zu sitzen und permanent über Nachbarn zu meckern, träume ich von einer neuen Dynamik, von Menschen mit dem Drang nach „personal enterprise“. Ich träume von einer neuen europäischen Generation mit weniger Bürokratie und weniger Regeln, die es schafft, den Wettbewerbern im fernen Osten Paroli zu bieten, um im neuen Wettbewerb mithalten zu können.

Natürlich müssen wir deregulieren und auch den Menschen wieder die Gelegenheit bieten, sich frei zu entfalten und nicht unentwegt durch veraltete Gesetze und Reglementierungen an Grenzen zu stoßen. Kleinkariertes Denken aus dem „Altersheim Europa“ muss überwunden werden, ein neues Wirtschaftswunder kann geschaffen werden – Ludwig Erhard würde es begrüßen.

Mehr Markt und weniger Sozialismus und die Chance der freien Entfaltung der Kräfte

Wir sollten die große Chance nutzen, unsere veralteten Regeln, die nicht mehr in die neue Zeit passen, über Bord zu werfen. Lasst uns die Mauern in unseren Gehirnen einreißen, die Brüsseler Bürokratie auflockern! Byzanz soll an seiner Bürokratie zugrunde gegangen sein, so steht es in den Geschichtsbüchern. Nun haben wir die Möglichkeit zu verhindern, dass dies auch mit Europa passiert. Es wäre die Aufgabe der Politik, diese Chance zu nutzen, neue Spielregeln für eine neue Zeit zu schaffen und die Mauern und Zäune, die unseren Alltag hemmen, einzureißen, um dieses Jahrhundert mitzubestimmen anstatt nach der guten alten Zeit zu rufen. Das wären die Politiker, die wir bräuchten, um den Kleingeistern in unserem Land und in Europa den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Vielleicht nehmen die Flüchtlinge, die ihr Leben riskierten, um hierher zu kommen, den Deutschen die Angst vor der Zukunft und machen ihnen Mut für die Herausforderungen der neuen Zeit. „In Deutschland leben heute rund 45 Millionen erwerbsfähige Menschen“, schrieb Jakob Augstein weiter. „Ohne Zuwanderung werden es im Jahr 2050 noch 29 Millionen sein. Die Kräfte der Demografie sind so radikal wie die der Migration. Darum wird sich Deutschland verändern. Und niemand kann das aufhalten. Es gibt kein Bleiberecht in der Vergangenheit. Auch nicht für die Angstvollen und die Angstmacher, die Strobls, Seehofers, Söders. Ohne Migranten wäre Deutschland eine Geisterbahn.“

Für mich ist das Glas halb voll. Jede Krise bietet eine Chance, neu anzufangen. Wir müssen diese Gelegenheit nur nutzen. Natürlich hat unser Relaunch einen Preis. Wir müssen etwas tun, wir müssen handeln und uns verjüngen. Auch das schwerfällig gewordene Staatsgebilde muss sich verjüngen – alle müssen anpacken und mit neuem Elan an unsere Wiedergeburt gehen. Vergessen wir nicht: Die Flüchtenden, diejenigen, die ihr Land verlassen, sind immer die Besten, die Mutigsten, diejenigen, die die Kraft haben, neu zu beginnen. Die Trägen und weniger Begabten bleiben zuhause, weil sie nicht den Mut haben zu fliehen. Die Flüchtlinge könnten uns bereichern. Es wäre fatal, wenn wir sie dazu treiben, uns zu hassen. Wenn wir es schaffen, die Flüchtlinge klug zu integrieren, können wir verjüngt – zweifellos verändert – überleben. Wenn wir es nicht schaffen und Hass erzeugen, werden sie uns später als Eroberer überrennen und zerstören.

Heute sind sie für uns eine Chance. Warten wir nicht, bis wir uns verteidigen müssen! Mit Zäunen kann man sich auf Dauer nicht abschotten, Mauern waren und sind langfristig nie von Bestand. Wenn wir zu träge und bequem sind, die Wurzeln des Unheils in anderen Ländern zu beseitigen oder zu mildern, werden uns Millionen überrennen. „Was wird es in 50 Jahren bedeuten, ein Europäer zu sein? Der Tod von Europa ist in Sicht – noch verschwommen und nicht unvermeidbar – aber trotzdem sichtbar und näher kommend wie ein ferner Planet im Fernglas eines nahenden Satelliten“, schrieb der Journalist und Pulitzer-Preisträger Bret Stephens am 19. Oktober 2015 in einer viel beachteten Kolumne im Wall Street Journal. Es liegt an uns, ihn zu widerlegen.

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