Kommentar
Gedanken zum Fest
17. Dez 2021
VON: ROLAND KOCH

Gedanken zum Fest

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Weihnachten steht vor der Tür. Es wäre auch eine hektische Zeit, wenn es Corona, den Provokateur Putin und eine sich gerade neu erfindende deutsche Regierung nicht gäbe. Vielleicht hilft uns das Fest mit allen Einschränkungen durch die Pandemie ja, soweit zu mehr Ruhe zu kommen, dass wir große Linien wieder sehen. Alle Beobachtungen stehen unter der generellen Erfahrung, dass die Veränderungen mit nie gekannter Geschwindigkeit aufeinanderfolgen. In der Theorie der Marktwirtschaft kennen wir den Begriff der „Asymmetrischen Information“, was grob gesagt bedeutet, dass die korrekte eigenständige Steuerung des Marktes Schaden erleidet, wenn nicht alle Marktteilnehmer über das gleiche Wissen verfügen. Genau das ist im übertragenen Sinn heute in unseren Gesellschaften der Fall. Dieser Zustand führt zu Unsicherheit, Veränderungsangst, Verschwörungstheorien und Radikalität. Genau deshalb ist es so wichtig, die großen Linien zu erklären und Menschen hinter Ideen zu versammeln, die die Veränderungen aufnehmen und zu einem neuen guten Ganzen machen.

Wir können fünf große Strömungen unserer Zeit sehen:

  • Die schnell gewachsene Zahl der Menschen verbraucht und verschmutzt zu viel von unserem Lebensraum. Menschenwürdiges Leben, Wohlstand und Frieden müssen durch eine schnelle Veränderung von Technik und Zusammenarbeit gesichert werden.
  • Die Digitalisierung bereichert die Menschheit durch technische Nähe und globale Verbindung, aber sie kann auch die Menschen berauben und sogar die Persönlichkeit zerstören.
  • Die Menschen fürchten die Rückkehr der Inflation und die Notenbank überdehnt ihr eigentliches Mandat ganz bewusst auf eine extreme Art und Weise, weil die Verschuldung vieler Staaten außer Kontrolle geraten ist. Die Europäische Zentralbank muss sich wieder auf ihr eigentliches Mandat beschränken. Daraus folgt, dass auch die Staaten sich mit ihren Ausgaben zurückhalten müssen.
  • In Deutschland werden qualifizierte Arbeitskräfte Mangelware. Jeder gut ausgebildete Mensch wird in Zukunft gute Arbeit haben, aber können wir die Bildung und Ausbildung für alle Ansprüche zeitgemäß verändern?
  • Die Welt wird nicht eine Einheit, wie viele 1989 geträumt hatten. Wir werden in großen Machtblöcken denken müssen. Kriege zu verhindern, indem die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit genutzt wird, ist die große Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Deutschland allein spielt dabei keine Rolle, und ob wir es schaffen, ein einheitliches Europa, ohne politische und wirtschaftliche Grenzen zu schaffen, ist nicht sicher.

Keine dieser großen Ströme ist ohne Risiko. Aber in jedem stecken zugleich riesige Chancen. Eine Welt frei von Hunger und ohne Krieg, eine Welt, die die Natur achtet und sich Big Data zu Nutze macht, eine Welt mit großen Bildungschancen für jeden und einer stabilen Machtbalance der großen Blöcke. Diese Vision ist machbar und sie ist attraktiv. Freie Menschen zu motivieren, sich dieser Vision mit all ihrer Kraft zu verschreiben, müsste die Aufgabe der Politik sein.

Menschen, die diese Vision teilen – und die Mitglieder der Ludwig-Erhard-Stiftung gehören wohl dazu –, wollen einen starken aber zugleich demütigen Staat. Stark, um die Leitplanken zu bauen und zu verteidigen, ohne die die Soziale Marktwirtschaft nicht funktioniert. Aber auch demütig in dem Wissen, dass die Verwirklichung der Vision in den Händen einzelner Bürger und der Freiheit ihrer Ideen liegt und eben nicht in noch so klugen detaillierten Staatsvorschriften.

Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, erfordert Mut und Vertrauen. Das schaffen die meisten Menschen in den meisten Kulturen mit einer Einstellung, die wir „Gottvertrauen“ nennen. Gegenwärtig wird Weihnachten zwar als „Fest der Liebe“ vermarktet und läuft Gefahr, als reines Geschenke- und Familienfest seinen christlichen Inhalt zu verlieren. Auf der anderen Seite übt Weihnachten auch heute noch eine unglaubliche Faszination auf die Menschen aus und veranlasst auch die der Kirche entfremdeten Menschen, einmal im Jahr zum Weihnachtsgottesdienst in die Kirche zu gehen.

Wie auch immer, ich wünsche Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Sprung in ein hoffentlich gesundes Jahr 2022. Von „ERHARD HEUTE“ werden Sie am 7. Januar wieder lesen.


Prof. Dr. h.c. mult. Roland Koch ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V.

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