Kommentar
 
30. Okt 2019
VON: RICHARD REICHEL

Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen?

Der Autorin Ulrike Herrmann kommt das schmachvolle Verdienst zu, „die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte in ein weit linkes bis grünes Weltbild hineinzuprügeln“. So lautet das Fazit von Richard Reichel zum kürzlich erschienenen Buch „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind“.

Ulrike Herrmann erhebt in ihrem Buch den Anspruch, die deutsche Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 100 Jahre, insbesondere aber die der Nachkriegzeit in wesentlichen Teilen neu zu schreiben. Die Autorin behauptet – bereits im Titel –, dass bisher zu viele Märchen verbreitet wurden, die nun zu korrigieren seien. Ein recht anmaßender Anspruch, denn verschiedentlich, beispielsweise bei der Frage, ob es in der Nachkriegszeit ein Wirtschaftswunder gegeben habe, hat man eine solche „Demystifizierung“ bereits vor 35 Jahren versucht. In der einschlägigen wissenschaftlichen Debatte ist davon indes wenig übrig geblieben.

Auf den ersten Blick scheint das Buch wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, finden sich doch ein recht umfangreicher Fußnotenapparat und ein Literaturverzeichnis, das ebenso umfassend ist – zumindest bei oberflächlichem Hinsehen. Das könnte bei Lesern den Eindruck hervorrufen, Frau Herrmann wäre mit der gebotenen wissenschaftlichen Neutralität an die Richtigstellung falscher Darstellungen („Märchen“) gegangen. Das ist aber mitnichten der Fall.

Fakten werden verbogen und uminterpretiert

Bereits die Literaturauswahl ist bezeichnend. Meist werden Quellen mit eher politischem oder historischem Hintergrund angeführt. Die wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur hingegen fehlt weitgehend. Aber auch das, was verwendet wird, kann seine einseitige Herkunft nicht verleugnen. Frau Herrmann folgt durchweg unkritisch einer Argumentation, die man am ehesten als pseudokeynesianisch bezeichnen könnte. Zudem zimmert sie sich die Dinge so zurecht, dass sie ins Weltbild einer Wirtschaftskorrespondentin bei der „taz“ passen. Das verheißt nichts Gutes.

Und Gutes bekommt man mit wenigen Ausnahmen auch nicht geliefert. Dies schon deshalb, weil die Autorin ihre ganze Energie darauf verwendet, etwas zu zeigen, was bei ihr schon von vornherein feststeht. Dabei werden Fakten verbogen und uminterpretiert, bis die Balken krachen.

So behauptet sie, Deutschland habe den Zweiten Weltkrieg gar nicht gewinnen können, weil es lediglich ein „Schwellenland“, aber kein reiches Industrieland gewesen sei. Sie argumentiert mit Zahlen von Colin Clark aus dem Jahr 1938, die einen großen Abstand zu den USA beim Pro-Kopf-Einkommen zeigten. Ergänzt werden ihre Ausführungen durch einen Verweis auf den Roman „Herbstmilch“, der die schweren Lebensbedingungen auf dem Land thematisiert. Wozu das Ganze dienen soll, erschließt sich dem Leser nicht.

Greift man auf die aktuellen Zahlen zum Pro-Kopf-Einkommen von Angus Maddison zurück, so zeigt sich, dass Deutschland, Frankreich, Belgien, die Schweiz und Österreich 1913 und auch 1935 sehr eng beieinander lagen. Großbritannien war um 14 Prozent reicher, die USA um 45 Prozent reicher als Deutschland, Frankreich erreichte dagegen 93 Prozent des deutschen Niveaus. All diese Länder waren selbstverständlich Industrieländer. Und schlechtere Lebensbedingungen auf dem Land gab es nicht nur in Deutschland, sondern andernorts genauso. Was die deutschen Reallöhne angeht, so lagen diese im Durchschnitt 1913 bei 83 Prozent der britischen Reallöhne, ebenso im Jahr 1938. Das ist ein spürbarer, aber doch viel zu kleiner Unterschied, als dass sich damit eine Klassifikation als Schwellenland begründen ließe. Deutschland war also nicht „zu arm“, sondern schlicht „zu klein“, um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen.

Hätte Frau Herrmann die Quelle finden wollen, hätte sie sie gefunden. Wollte sie aber offenkundig nicht, weil die Befunde nicht zur Demystifizierung – von was auch immer – geeignet gewesen wären.

Die Autorin widerspricht sich und ignoriert Quellen

Das nächste Beispiel: Auf den Seiten 43 f. vergleicht sie das Wachstum unter dem Regime der französischen Planification mit dem deutschen Wachstum. Sie kommt zum Schluss, dass das deutsche Wachstum nur 0,9 Prozentpunkte höher gewesen sei als das französische. Die Differenz sei dem viel größeren Aufholpotenzial wegen der größeren Zerstörungen in Deutschland zu verdanken gewesen, Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft sei daran aber unschuldig. Letztlich sei die Planification also nicht schlechter gewesen. Auch an dieser Stelle hätte Frau Herrmann nur die seit den 1970er Jahren existierende Literatur zur französischen Planification lesen müssen. Diese zeigt, dass die französische Wirtschaft nicht wegen, sondern trotz der Wirtschaftsplanung relativ schnell gewachsen ist.

Womit wir beim nächsten Punkt wären, den Frau Herrmann nicht verstanden hat: der so genannten Rekonstruktionsthese. Die These behauptet, Länder mit einem (kriegsbedingt) zerstörten Kapitalstock wachsen schneller, weil der Kapitalstock wieder aufgebaut werden müsse. Bis das abgeschlossen ist, ist ein höheres Wirtschaftswachstum zu beobachten. Diese These ist der Kern all jener Theorien, die wirtschaftpolitischen Erklärungen unterschiedlicher Wachstumsraten nichts abgewinnen können. So weit, so gut. Tatsächlich ist die Rekonstruktionsthese empirisch gut bestätigt. Das heißt aber noch lange nicht, dass andere Faktoren nicht auch eine signifikante Rolle gespielt hätten.

Überdies widerspricht sich Frau Herrmann hier selbst, da sie an anderer Stelle darauf hinweist, dass die Zerstörungen gar nicht so groß gewesen seien (Seite 34). Lediglich die Transportwege seien weitgehend zerstört gewesen. Diese habe man repariert, und die Wirtschaft sei wieder gewachsen, bereits vor der Währungsreform. Mal abgesehen, dass das mit dem Wachstum vor Juni 1948 in den Ohren der meisten Zeitgenossen wie Hohn geklungen haben dürfte, passen diese Argumentationen nicht zusammen: Entweder der Kapitalstock war zerstört und es gab hohes Rekonstruktionswachstum oder er wäre nicht zerstört und dann hätte man eben kein hohes Wachstum. Aber gleichzeitig Rekonstruktionswachstum und weitgehend intakter Kapitalstock? – Das ist ein Widerspruch, den Frau Herrmann nicht bemerkt.

Auch die These vom „Schaufenstereffekt“ durch die Hortung von Waren mit Blick auf die Währungsreform und die absehbar werthaltigere neue D-Mark ist im Hinblick auf das spätere Wirtschaftswachstum unhaltbar. Natürlich hat die Währungsreform die Güterhortung beendet, aber das Wachstum danach hat mit der Güterhortung nichts zu tun. Tatsächlich kann man eine nachhaltige Beschleunigung des Wachstums nach der Währungs- und Wirtschaftsreform nachweisen. Frau Herrmann ignoriert entsprechende Quellen.

Die Autorin findet: „Politik lohnt sich“

Ein weiterer Hauptgegner von Frau Herrmann ist Ludwig Erhard, den sie als unfähig, selbstdarstellerisch und NS-Profiteur darstellt. Dabei folgt sie weitgehend den gehässigen Pfaden, die von Volker Hentschel in seiner Erhard-Biografie von 1996 getreten wurden, ergänzt um dazu passende neuere Literatur. Was nicht ins Bild passt, wird dagegen weggelassen, zum Beispiel das 2015 erschienene Buch von Horst Friedrich Wünsche, das sich ausführlich mit den ordnungspolitischen Vorstellungen Ludwig Erhards auseinandersetzt.

Mit Ludwig Erhard eng verbunden war immer die Deutsche Bundesbank. Deshalb sind sie und ihre Geldpolitik das nächste Angriffsziel von Frau Herrmann. An mehreren Stellen wirft sie der Bundesbank vor, mit ihrer restriktiven Geldpolitik die Zinsen unnötig in die Höhe getrieben zu haben und zu hohe Realzinsen produziert zu haben. Zu hohe Zinsen hätten für Arbeitslosigkeit gesorgt, und nicht etwa zu hohe Arbeitskosten. Zwar kann man über die Problematik der geldpolitischen Timelags diskutieren, aber die Geldpolitik der Bundesbank war sicher nicht für die rückläufigen Investitionen und die steigende Arbeitslosigkeit seit Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 2000er Jahre verantwortlich. Seit der ersten Ölkrise 1973 hatten die Länder, die mehr Inflation zugelassen haben, mittel- und langfristig auch höhere Arbeitslosigkeit. Rechtzeitige restriktive Geldpolitik verhindert starke Rezessionen und vor allem makroökonomische Blasen. Frau Herrmann ignoriert das alles, ihre Wut auf „zu hohe“ Zinsen ist schlichter Quatsch.

Aber es wird – frei nach Herbert Wehner – noch quätscher! Ab Seite 223 befasst sich die Autorin mit der Finanzkrise ab 2007 und sucht die Schuldigen bei Banken. Natürlich waren die Banken ein wesentlicher Teil des Problems. Herrmann vergisst aber, die Rolle der Zinspolitik der US-Notenbank und die staatliche Förderung des Eigenheimerwerbs in den USA zu erwähnen. Niedrigzinsen waren für die Entstehung der Preisblase am Immobilienmarkt verantwortlich und damit Erstauslöser aller Probleme. Ein Fall gewaltigen Staatsversagens! Frau Herrmann erwähnt nichts davon, denn der Staat, der hat immer recht. Oder besser: „Politik lohnt sich“ (Kapitel XII).

Eine „Demystifizierung“ ist der Autorin nicht gelungen

Gibt es in dem Buch auch Lichtblicke? Ja, einige wenige. So ist die Beschreibung der DDR-Wirtschaft in Kapitel VIII weitgehend realistisch, wenngleich auch andernorts nachzulesen. Und dieser positive Aspekt wird gleich wieder zunichtegemacht, wenn es um die Bewertung der Wiedervereinigung geht. Diese war angeblich zwar teuer, aber letztlich kostenlos, weil sie sich durch den ausgelösten Wachstumsschub selbst finanziert habe und der Schuldenstand (Gesamt-)Deutschlands im internationalen Vergleich niedrig sei. Als ob das ein Kriterium wäre! Nicht erwähnt werden der nach wie vor existierende Solidaritätszuschlag und Missstände wie die kaputt gesparte Polizei, eine teilweise verrottete Verkehrsinfrastruktur und eine zur Landesverteidigung nicht mehr fähige Bundeswehr. Denn dafür war kein Geld mehr da. Von einem „Wachstumsschub“ kann auch keine Rede sein.

Ein zweiter kleiner Lichtblick: Frau Herrmann ist wenigstens konsequent. Ihre angedeuteten Politikvorschläge wären sicher geeignet, wirtschaftliches Wachstum zu zerstören. Und ein solches will sie nicht.

Generell fällt im Buch auf, dass Frau Herrmann ihre fachlichen Defizite geschickt durch die häufige Verwendung von Adjektiven wie „extrem“, „exorbitant“, „üppigst“, „überaus geschäftstüchtig“, „hemmungslos“, „sagenhaft“, „neoliberal verblendet“ usw. überspielt. Das soll den Aussagen Nachdruck verleihen.

Was bleibt als Fazit? Auch wenn hier nicht alle Kapitel besprochen werden konnten, der Dilettantismus und das „angeklebte“ Halbwissen als Basis für anmaßende Urteile sind schwer erträglich. Der besserwisserische, teilweise auftrumpfend-naive Ton geht einem ebenfalls schnell auf die Nerven. Inhaltlich demystifiziert wird jedenfalls nichts. Aber Frau Herrmann hat eine große Leistung vollbracht, wenn es darum geht, die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte in ein weit linkes bis grünes Weltbild hineinzuprügeln.

Prof. Dr. Richard Reichel ist Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg.


Lesen Sie hierzu auch:

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„Ludwig Erhard war kein Nazi“ von Thomas Mayer

„Runter vom Sockel, Herr Erhard!“ von Ursula Weidenfeld

„Griff in die Mottenkiste“ von Andreas Schirmer

 
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