20. Mai 2020

Die Rechtfertigung der Freiheit

Nachfolgend dokumentieren wir die Kurzfassung eines Vortrags von Prof. Dr. Roland Vaubel, den er anlässlich der Verleihung der Hayek-Medaille 2019 in Wien gehalten hat. Die Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft hat ihm die Medaille für seine Verdienste auf dem Gebiet der liberalen politischen Ökonomie verliehen.

Betrachtet man die Theorien zur Rechtfertigung der Freiheit, so sind zwei Ansätze zu unterscheiden: der wissensbasierte und der anreizbasierte Ansatz. Der wissensbasierte Ansatz macht geltend, dass die Freiheit die Produktion und Nutzung des menschlichen Wissens optimiert. Der anreizbasierte Ansatz stellt darauf ab, dass die Freiheit die richtigen Anreize für das Handeln der Menschen schafft.

Der wissensbasierte Ansatz geht auf den englischen Philosophen Jeremy Bentham zurück. In seinem Buch „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (1789) behauptete er, dass jeder sein Interesse selbst am besten beurteilen kann. Von dieser Regel gibt es jedoch viele Ausnahmen. Realistischer ist der Spruch von Abraham Lincoln: „You can fool all people some of the time and some people all the time but you cannot fool all people all the time.“ Was jeder selbst am besten beurteilen kann, sind seine Wünsche, aber nicht unbedingt die geeigneten Mittel, sich die eigenen Wünsche zu erfüllen.

Der Staat hat jedoch kein operationales Verfahren, die Fälle zu identifizieren, in denen ein Bürger sein Interesse falsch einschätzt (ohne offensichtlich geisteskrank zu sein), und zu bestimmen, wer das Interesse des betreffenden Bürgers besser beurteilen kann. Und da die Menschen und ihre Wünsche sehr verschieden sind, „schadet der Staat dem Einzelnen durch Maßregeln, welche auf einen jeden von ihnen nur mit beträchtlichen Fehlern passen“ (Wilhelm von Humboldt, 1792).

Wenn jeder frei ist, Verträge zu schließen, so sendet der Markt über die Preise leicht zu verstehende Knappheitssignale, die Wünsche aller Marktteilnehmer – ihre Nachfrage und ihr Angebot – widerspiegeln. Das ist weit effizienter, als es eine staatliche Planung je tun könnte. Die Freiheit erleichtert die Nutzung des vorhandenen Wissens.

Die Freiheit begünstigt aber auch die Schaffung neuen Wissens. Darauf hat wohl zuerst John Stuart Mill in seiner Schrift „On Liberty“ (1859) hingewiesen. Wenn jeder selbst entscheiden kann, gibt es eine Vielzahl – einen Wettbewerb – der Experimente. Die erfolgreichen Experimente werden früher oder später von den Anderen nachgeahmt, denn kein Patent währet ewiglich. Damit nützt der Freie unfreiwillig auch den Anderen. Diesen Entdeckungsmechanismus untersucht vor allem Friedrich von Hayek – zuerst in seinem Buch „The Constitution of Liberty“ (1960).

Außerdem erlaubt die Vielfalt der individuellen Experimente der freiheitlichen Gesellschaft, das Innovationsrisiko zu diversifizieren. Deshalb ist die freiheitliche Gesellschaft stabiler und innovationsfreudiger.

Wettbewerb und Eigentum

Die kostensenkenden und qualitätsverbessernden Innovationen der gewinnorientierten Produzenten nützen den Konsumenten. Wenn die Kosten gesenkt werden, sinkt auch der Preis, den die Konsumenten zahlen müssen, und die ver- bzw. gekaufte Menge steigt. Das war die revolutionäre Botschaft von Adam Smith in „The Wealth of Nations“ (1776). Die Produzenten tun den Konsumenten unabsichtlich – wie von einer „unsichtbaren Hand“ geleitet – etwas Gutes. In der heutigen Terminologie der Ökonomen würde man sagen: Die Innovation vergrößert die Konsumentenrente, den Überschuss der Zahlungsbereitschaft über den Marktpreis. Zurzeit von Adam Smith gab es das Konzept der Konsumentenrente noch nicht, sonst hätte er sich vielleicht weniger religiös ausgedrückt.

Die gewinnorientierten Produzenten haben im Wettbewerb also die richtigen Anreize. Damit sind wir bei den anreizbasierten Rechtfertigungen der Freiheit. In seinem Buch „The Theory of Moral Sentiments“ (1759) präsentiert Adam Smith eine noch grundlegendere anreizbasierte Begründung der Freiheit: „Every man is much more deeply interested in whatever immediately concerns himself than any other man.“ Deshalb – so Smith – solle jeder für sich selbst entscheiden. Beschränkt auf das Eigentumsrecht findet sich diese Rechtfertigung schon bei Thomas von Aquin (1268): „Weil die Menschen mehr Sorge auf das verwenden, was ihnen gehört, gewährleistet das Privateigentum eine bessere Nutzung der Güter im Sinne des Gemeinwohls.“

Dieses Anreizargument greift auch dann, wenn es andere gibt, die das Interesse des Einzelnen besser einschätzen können als er selbst. Selbst wenn andere besser wüssten, was für mich gut ist, so würden sie doch nicht tun, was für mich gut ist, sondern was für sie selbst gut ist. Das ist die zentrale Botschaft von James Mill, dem Vater von John Stuart Mill und engen Freund Benthams. In seinem „Essay on Government“ (1820) argumentiert James Mill, dass die Fehlanreize der Politiker viel schlimmer sind als das Unwissen der Bürger, denn das Anreizproblem ist „unheilbar“, die Unwissenheit der Bürger kann man dagegen bekämpfen.

Schließlich: Weil die freiheitliche Ordnung den Wohlstand erhöht, stärkt sie den Anreiz, für wohltätige Zwecke zu spenden – ganz gleich, ob die Spenden altruistischen oder eigennützigen Motiven entspringen. Auch insofern nützt die Freiheit des Einzelnen den Anderen.

Die Langfassung des Vortrags von Roland Vaubel ist im ORDO Band 70, 2020, Seiten 372–385, unter dem Titel „Zur Begründung der Freiheit“ veröffentlicht.

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Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, herausgegeben von der Ludwig-Erhard-Stiftung, Bonn, ISSN 2366-021X

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