Ludwig-Erhard-Preisverleihung 2021
Grußwort des Jury-Vorsitzenden
25. Jun 2021
VON: THOMAS MAYER

Grußwort des Jury-Vorsitzenden

Der Vorsitzende der Jury des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik trug mit einer Video-Botschafts zur Verleihung des Preises an Wolfgang Reitzle und Dan McCrum sowie die beiden Förderpreisträger von 2020 Martin Braml und Hans Rusinek bei. In seiner Botschaft erklärt er, warum in diesem Jahr keine Förderpreise vergeben werden.


Die aufgezeichnete Video-Botschaft von Thomas Mayer finden Sie hier.


Leider kann ich bei der Verleihung der Ludwig-Erhard-Preise heute nicht persönlich in Berlin dabei sein und melde mich daher per Video. Den Hauptpreisträgern möchte auch ich ganz herzlich gratulieren. Beide stehen nicht nur für herausragende Leistungen in den Bereichen des Journalismus und der Unternehmensführung, sondern verkörpern auch die von Erhard hoch geschätzten Eigenschaften des unabhängigen und freiheitlichen Denkens.

Meine Glückwünsche gehen ebenfalls an die Träger der Förderpreise von 2020, die Frau Teuteberg gleich gebührend würdigen wird. Aber ich habe Ihnen heute im Namen der Jury auch ein Geständnis zu machen: Wir haben keine Preisträger für 2021 gefunden – weder aus den Einreichungen noch durch Nennungen.

Vielleicht hat eine Rolle dabei gespielt, dass jüngere Wissenschaftler und Journalisten während der Corona-Pandemie mit anderen Dingen als der Analyse und Kommentierung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen aus liberaler Perspektive beschäftigt waren. Vielleicht hat aber die Corona-Pandemie nur einen Trend beschleunigt, den wir schon länger mit Sorge sehen: das Verblassen von marktwirtschaftlichem und ordnungspolitischem Denken – insbesondere unter den Jüngeren.

Seit Jahren hat sich die makroökonomische Lehre an den Universitäten weltweit auf die Neu-Keynesianische Theorie hin verengt. Als jüngerer Ökonom bin ich in der Zeit des produktiven Streits zwischen der marktliberalen Chicago-Schule und der in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology beheimateten Keynesianischen Schule aufgewachsen. Man unterschied zwischen „Fresh Water Economics“ (= Chicago) und „Salt Water Economics“ (= Massachusetts). Der Bogen marktorientierter Schulen spannte sich von Chicago über Freiburg zur Österreichischen Schule. Beim Internationalen Währungsfonds, wo ich zu dieser Zeit arbeitete, spiegelten sogar einige Abteilungen die unterschiedlichen Schulen wider. Das belebte die Diskussion und weitete den Blick.

In den 1990er Jahren begruben Chicago und Harvard jedoch das Kriegsbeil und einigten sich auf das Neoclassic-Keynesian Fusion Model – aus dem dann der Neu-Keynesianismus entstand. Und nach der Finanzkrise verdrängten die Keynesianer aus dem Mainstream, was vom Erbe Chicagos, Freiburgs und der Austrians übrig war. Bei uns vollzog man das nach, indem man vielfach aufgab, über Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik nachzudenken und zu lehren.

Der Klimawandel und – nun – die Corona Pandemie scheinen dem Glauben an den Staat als Lenker und Allversicherer noch mehr Auftrieb gegeben zu haben. Und das, obwohl sich der Staat bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem Markt als Koordinator wirtschaftlichen Handelns unterlegen zeigt.

Wir brauchen nur die Leistungen der Bafin mit den Leistungen der freien Presse bei der Aufdeckung des Wirecard-Betrugs oder die Leistung der Regierung bei der Beschaffung von Mund-Nasen-Masken mit der Leistung der Pharmaindustrie bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 zu vergleichen.

Dennoch ist die Staatsgläubigkeit im Aufwind, gerade bei den Jüngeren, den „Millennials“, der Generation „Fridays for Future“.

Als Mitglieder der Ludwig-Erhard-Stiftung wünschen wir uns, dass der Geist unseres Stifters wieder stärker wird.

Und als Mitglieder der Jury zur Vergabe des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik wünschen wir uns für das nächste Jahr viele Einreichungen für den Förderpreis, an denen Ludwig Erhard Gefallen gefunden hätte, und viele herausragende Persönlichkeiten, die im Sinne Ludwig Erhards wirken.


Die digital übertragene Preisverleihung fand am 24. Juni 2021 in der Hessischen Landesvertretung in Berlin statt. Hier geht es zur Dokumentation der Preisverleihung mit Fotos, Videos und Redebeiträgen.

 
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