Ludwig-Erhard-Preis 2019
Warum die Ökonomie ein Feld radikaler Mündigkeit ist
25. Okt 2019
VON: ULF POSCHARDT

Warum die Ökonomie ein Feld radikaler Mündigkeit ist

Am 24. Oktober 2019 wurde Dr. Ulf Poschardt, Chefredakteur WeltN24, in Berlin mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Nachfolgend dokumentieren wir seine Preisrede.


Eine Video-Aufzeichnung der Rede von Ulf Poschardt finden Sie hier.


Als Immanuel Kant den Begriff der Mündigkeit zu einem zentralen Begriff der Aufklärung gemacht hat, war eine freie Gesellschaft weit entfernt. Weder die Wirtschaft noch die Gesellschaft waren frei, der Bürger war vor allem Untertan, und die intellektuelle Wehrhaftmachung war eine Sache der inneren Freiheit, des träumenden Geistes. Aber es war der Anfang jener Mündigkeitskonzeptionen, wie sie in der freien und auch sozialen Marktwirtschaft heute kursieren – ohne ernst genommen zu werden.

Es war eine überschaubare Zeit, was das Wissen der Welt betraf. Ein Universalgelehrter wie Kant oder Hegel konnte eigentlich so ziemlich alles wissen, was es in dieser Zeit an Wissenswertem gab. Verglichen mit der Wissens- und Informationsunendlichkeit der Gegenwart eine fast gemütliche Zeit, um sich mit der Welt vertraut zu machen. Aufklärung war so optimistisch, weil ein Denker wie Hegel alles noch unter seinen Theoriehut bringen konnte, Ästhetik, Geschichte, Naturwissenschaften.

Von 1400 bis 1900 verdoppelte sich die Menge von menschlichem Wissen einer groben Schätzung nach in 500 Jahren. Danach ging es ein wenig schneller, aber als Theodor Adorno 1969 in Sachen Mündigkeit bei Kant weitermachte, war das menschliche Wissen signifikant mehr geworden, aber auch überschaubar mehr geworden. Es war noch möglich, im umfassenden Sinne mündig zu sein. Und Adorno baut – fast ohne seine negativistische Skepsis – darauf. Ganz am Ende seines unglaublichen Lebens klang Adorno wie ein Liberaler. Für Adorno ist Mündigkeit Freiheit vermittels der eigenen Vernunft.

Der Ungeist von Kollektiven

Mündigkeit ist Voraussetzung für Demokratie. Wie in allen Kollektiven sah Adorno auch in der außerparlamentarischen Opposition (APO) einen Hang zum Opportunismus: etwas, das er ablehnte und fürchtete. Er begegnete dort „immer dem Zwang, sich auszuliefern, mitzumachen, und dem habe ich mich seit meiner frühesten Jugend widersetzt“. Das bemerkenswerte Radiogespräch, das unter dem Titel Erziehung zur Mündigkeit eines der letzten öffentlichen Zeugnisse Adornos zu Lebzeiten war, ist ein bemerkenswertes Dokument realpolitischer Bekenntnisarbeit für Demokratie und individuelle Freiheit.

Um als Liberaler nicht gedanklich zu vereinsamen, lohnt es sich, Liberale als solche zu outen, die es gar nicht sind. Deswegen empfiehlt es sich, abseits des eigenen Kanons zu lesen oder in einer wechselhaften Biographie unterschiedlichste Wissensschichten aufgetragen zu haben. Adorno als Liberaler zum Beispiel bietet am Ende seines Lebens eine unerschütterliche Klarheit über den Ungeist von Kollektiven.

Adorno vermutet, „dass schon die Voraussetzungen der Mündigkeit, von der eine freie Gesellschaft abhängt, von der Unfreiheit der Gesellschaft determiniert“ sei. Mündigkeit ist also die denkbar schwerste und heroischste Übung. Adorno mahnt „der blinden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten, den Widerstand gegen sie dadurch zu steigern, dass man das Problem der Kollektivierung ins Licht rückt“. Der Verlust von Mündigkeit und Autonomie beim Aufgehen in einem Kollektiv wird derart drastisch eingeordnet, dass man als Liberaler nur staunen kann: „Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selbst schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus.“

Und in den letzten 50 Jahren sind die Dinge noch unübersichtlicher geworden. Heute verdoppelt sich die Menge von Daten alle drei Jahre, wie das McKinsey Global Institute herausgefunden hat. Glücklicherweise verdoppelt sich in der Logik des Mooreschen Gesetzes auch die Komplexität integrierter Schaltkreise. Durch diese Sprünge der technologischen Rechnerleistung bleibt die Illusion, den Wissens- und Datenmengen Herr zu bleiben.

In der Pädagogik – und dem folgend in der Rechtsprechung – wird das Mündigmachen mit dem Ziel der Verantwortungsfähigkeit verbunden. Im Ideal werden Kinder in der Schule zu mündigen Menschen gemacht. Zweifel aber sind angebracht. Die Beherrschung der Kulturtechniken und des gröbsten Wissens um die Welt konstruiert keine Mündigkeit. Die Erziehung zur Selbsterziehung müsste dafür im Mittelpunkt von elterlicher und schulischer Erziehung stehen. Tut sie aber nicht. Am Ende ist insbesondere die Schule eine Institution zur Auslöschung autodidaktischer Impulse, wie das der Schulskeptiker Peter Sloterdijk vermutete. Aber mit 18 Jahren gelten Jugendliche als erwachsen. Führerschein und Wahlberechtigung sind Initiationsriten in die Welt von Verantwortung und Teilhabe.

Mündigkeit ist eine Anti-Populismus-Impfung

Der mündige Konsument beginnt seine Karriere früher: Als Junge oder Mädchen an der Eisdiele, beim Kiosk vor dem Pokemon-Päckchen oder als Gamer, der einen neuen Fortnite-Skin digital erwirbt. Er lernt zuerst von den Eltern, dann von der Peergroup, wie man mit seinem Taschengeld umgeht, aber in der schulischen Bildung gibt es dafür keinen Ort. Die Konzeptionen mündigen Konsums auch in der politischen Dimension bleiben in nichtbürgerlichen oder akademischen Familien weitgehend unbeleuchtet. Im Ludwig-Erhard-Zentrum in Fürth haben die Macher klugerweise einen Kinder-Supermarkt neben dem Geburtshaus von Erhard eingerichtet, in dem die Kinder spielerisch mit dem Funktionieren der Marktwirtschaft konfrontiert werden. In einer Zeit weitgehend naiver bis idealistisch-gemütlicher Erziehungsangebote wirkt das in seiner realistischen Klarheit über die Gegenwart fast schockierend exotisch.

Das Reden vom mündigen Konsumenten ist oft genug Sonntagsrede oder Pose. Für Ludwig Erhard stand die Konsumentensouveränität im Zentrum seiner Vorstellung einer Sozialen Marktwirtschaft, die im Ideal Wohlstand für alle bedeutete. Der mündige Konsument wie der mündige Staatsbürger verpflichtet sich zu einem nicht endenden Prozess der ehrgeizigen Selbstaufklärung. Mündigkeit ist kein Ergebnis eines Initiationsritus. Es ist eine bewusstere Art zu leben. Es ist nichts Bequemes. Mündigkeit strengt an, aber jemand, der es ernst meint mit der eigenen Autonomie und seinem Freiheitspathos kann gar nicht anders, als sich an der Mündigkeit zu versuchen.

In der Ökonomie ist Mündigkeit geboten, weil Unmündigkeit in Feldern ökonomischen Handelns gerne bestraft wird. Der Konsument muss – nimmt er seine Verantwortung auch beim Einkaufen ernst – wissen, was er mit seinem Konsumverhalten anrichtet und in wie weit das mit seinen Überzeugungen und Weltanschauungen harmoniert.

Mündigkeit ist Selbstverantwortung. Das weiß der stolze Citoyen mehr als der bequeme Bourgeois. Mündigkeit ist eine Anti-Populismus-Impfung. Sie macht auch gegen jede Form von Opportunismus immun. Das autonome Subjekt emanzipiert sich im fundamentalen Sinne von Anpassungs- und Kollektivfantasien.

Mündiger Konsum in der Version von Greta und Luisa

Der unmündige Konsument munitioniert den Paternalismus. Die Vorstellung des fahrigen, überforderten, flüchtigen Konsumenten, der auch schon mal heulend mit seinen ökonomischen Fehlentscheidungen vor sensiblen Fernsehkameras sitzt, appelliert nicht nur bei Etatisten an den Reflex, mit Regulierung und abgenommenen Entscheidungen den Überforderten von der Bürde der Eigenverantwortlichkeit zu befreien. Wer die Überforderung in den Mittelpunkt stellt, appelliert an Abhilfe. Das funktioniert in verschiedenen Abstufungen zwischen einer markteinschränkenden Regulierung im Sinne von Verboten und Marktausschlüssen bis hin zu seinem soften Paternalismus, der sensibel und einfühlsam den mündigen Konsumenten nach den Anforderungen der Politik und Gesellschaft formt.

Die aktuelle Klimadebatte hat in neuer Dringlichkeit die Frage nach dem mündigen Konsumenten gestellt und sie fast einhellig sogleich beantwortet: Die Klimafrage dürfe nicht privatisiert werden, deswegen müssen umfassende Verbots- und Regulierungsregime greifen. Bis es so soweit ist, wirken Scham- und Schuldrhetorik, die einem mündigen Bürger selbstverständlich am Allerwertesten vorbei gehen, aber in einer emotional aufgeladenen Panik- und Apokalypsendebatte verfangen.

Natürlich haben Greta und Luisa mit ihrem Aktivismus gute Fragen gestellt. Auch der Demonstrationsmarkt ist gerecht. Mobilisieren können nur die konsequentesten, weil marktgängigsten Konzepte. Greta ist eine der wertvollsten globalen Marken. Die Automarke, die sie als Testimonial hätte, wäre aus dem Gröbsten raus. „Fridays for Future“ ist ein politisches Start-up mit exzellenter Markenführung und einem hoch effizienten libertären Management. Greta kann nur so erfolgreich sein, weil sie und ihre nationalen Luisas eine Sinn- und Genusskrise im globalisierten Kapitalismus freigelegt haben. Die Idee des mündigen Konsumenten hatte die FDP vor dem Club of Rome und hat dieses politische Gold einfach liegen lassen. Die CSU war naturschützerisch bevor es die Grünen gab, auch sie hat dieses Feld brach liegen lassen, weil es andere Themen gab, wichtige Themen von Terrorismus über Nachrüstung bis Wiedervereinigung. Profitiert haben die Grünen – und bis heute gelingt es den Bürgerlichen und im besten Fall Freiheitlichen nicht, dieses Terrain glaubhaft zurückzuerobern.

Greta und Luisa leben ihre Version mündigen Konsums vor. Sie sind Rolemodels für eine Generation, die mit berechtigten Anliegen an eine lebenswertere Umwelt auch jene Staatsbürger erreichen, die mündigkeitsbegabt sind. Die sich weniger von der Panik und dem Untergangsgeheul abschrecken lassen, auch nicht von dem rhetorischen Minimalismus, sondern diese Figuren auf ihre Rolle als mündige Konsumenten reduzierend, fahrradfahrend, vegan, natürlich.

Wer die Demonstrationen verfolgt, sieht dort zigtausende mündiger Konsumenten, politisch verrannt, aber dabei den Kapitalismus von innen verändernd. Es sieht albern aus, wenn die adretten Jugendlichen der Extinction Rebellion an einem Samstag in der Mall of Berlin, einem Parcours konsumistischer Scheußlichkeiten, ihre Altersgenossen tanzend zum Nachdenken über den Erwerb von T-Shirts und Hosen für 15 Euro nachdenken lassen, aber sie haben damit einen Punkt. Sie klären auf: Wenn auch auf die denkbar peinlichste und irgendwie bescheuertste Art. Ich jedenfalls bin den Pubertierenden dort dankbar: Sie thematisieren die Mündigkeit des Konsumenten.

Die Grünen verstehen den Markt für Bilder und Haltung besser als die Bürgerlichen

Der aktuelle Erfolg der Grünen ist nicht nur der aktuellen Schwäche der Bürgerlichen zu verdanken und deren verdienstvolle Rolle als Antithese zur so genannten AfD, sondern vor allem ihrem Instagram-Account – und dem von Habeck, Baerbock, Ska Keller, anderen Nicht-Freunden der freien Marktwirtschaft. Dennoch haben sie den Markt der Bilder, Haltungen und Images besser verstanden als die bürgerlichen vermeintlichen Anwälte des Mündigen, die Parteigänger von Ludwig Erhard. Alles sieht aus wie ein Lätta-Spot. Darüber mögen einige schmunzeln, aber es folgt der Logik kapitalistischer Warenförmigkeit.

Ich will sie hier nicht länger quälen, aber wer diese Erfolgshebel übersieht, übersieht ein gesellschaftliches und politischen Marktbedürfnis, das absurderweise nur von jenen bedient wird, die den Markt eigentlich ihrem Wesen nach verachten müssten – und zum Teil auch verachten. Mündig zu sein, heißt radikale Zeitgenossenschaft zu erspüren und im Zweifel zu erarbeiten, und im Ideal auch zu erkennen, wie die Zukunft aussehen könnte, um sie mitgestalten zu können. Eine Inspiration für mündiges Konsumieren bleiben die neuen Rolemodels, auch für FDP wählende Sportwagenfahrer und Villenbesitzer.

Öfter mit dem Fahrrad oder der S-Bahn, weniger Fleisch und dafür bewusster – all diese Regeln sind nicht eigentlich neu, sie waren bürgerliche Tugenden, bevor mit dem Wirtschaftswunder das quantitative Wachstum, das Mehr ist Mehr, die qualitativen und normativen Anliegen bürgerlicher Mündigkeit altmodisch erscheinen ließen. Die neue Konsumentenethik umweht sogar etwas Biedermeierliches: Wer billig kauft, bezahlt teuer. Lieber länger auf etwas richtiges sparen. Was nicht aufgegessen wird, kommt am Abend als Backnudel oder Eintopf wieder auf den Tisch. Essen wird nicht weggeschmissen.

Im Ideal war bürgerliche Konsummündigkeit davon geprägt, dass nur gekauft wird, was man weitervererben kann. Bei Landadligen war der Gipfel der Feinheit, das Auftragen zerschlissener Pullover und Stiefel. Asketischer Bedürfnisaufschub war der Kern bürgerlicher Distinktion. Luxus bedeutet im Zweifel nach wie vor: Schönes, Dinge, die nicht weggeschmissen werden.

Die bürgerliche Idee von Wachstum war immer schon qualitatives Wachstum. Der unmündige Konsument war Kleinbürger oder Neureicher, arm oder dekadent. Er war mehr stets am quantitativen Wachstum interessiert.

Vom mündigen Konsumenten zum mündigen Unternehmer

Als Liberaler schreckt man vor normativen Festlegungen zurück. Dafür freut man sich eher über Verantwortungsappelle. Mündige Konsumenten verändern den Wettbewerb zum Besseren. Je mehr Marktteilnehmer vernünftig agieren, umso vernünftiger kann das Marktgeschehen werden. Wer in den Klimaaktivisten und anderen gesellschaftlichen Disruptoren stets nur die verzogenen Bürgerkinder sehen will, macht es sich bequem. Zur Mündigkeit gehört auch die Neugier, in Phänomenen eben jene Spur der Vernunft herauszulesen, die helfen, die Gegenwart im Sinne der Mündigkeit zu verstehen und zu gestalten. Die aktuell wichtigsten marktradikalen Ideologen in Deutschland heißen Capital Bra und Ufo 361. Rapper mit Migrationshintergrund, die Eigenverantwortung, Wettbewerb und Marktwirtschaft in leuchtenden Farben schildern. Sie markieren zudem den Übergang vom mündigen Konsumenten zum mündigen Unternehmer. Sie haben mit ihrem Werk und ihren Marken den Schritt zu einem mittelständischen Unternehmer gemacht. Capital Bra hat mehr Nummer 1 Hits als die Beatles. Seine Marke ist scharf wie ein Rassiermesser. Wie viele Unternehmer der Gegenwart ist Bra Poet und Impresario. Wenn Sie an Greta verzweifeln, hören Sie die neue Platte von Capital Bra. Das ist die andere Seite der Jugend von heute. Beide haben ihren Markt gleichermaßen verstanden. Auch Greta und Luisa sind virtuose Unternehmerinnen ihrer profitablen Marken, auch abseits von Ebitda-Zahlen.

Der mündige Unternehmer ist eigentlich ein Pleonasmus. Der Unternehmer ist Pionier oder eigentlich keiner. Die bedeutendsten Unternehmer der vergangenen dreißig Jahre sind aus Garagen gekommen, in denen sie der digitalen Moderne disruptive Schockwellen versetzten. Die Gründer von GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) erinnern mehr an Intellektuelle und Wissenschaftler als an die schrotkörnigen Unternehmer des 19. und 20. Jahrhundert. Es sind Kinder von Professoren, die nahezu alle in Harvard, Princeton oder Stanford mit den Klügsten, Inspirierendsten und Besten ihrer Zeit studiert haben. Bereits als Kinder und Jugendliche hatten sie die Zeichen der Zeit fast intuitiv verstanden um mit der neuen Kulturtechnik des Codes, später dann des digitalen Vertriebes, der Vernetzung und der Hardware den globalisierten Kapitalismus in eine neue Umlaufbahn zu schießen – und fundamental wirklich alles zu ändern: den Alltag der Menschen, ihre Träume, den Kapitalismus, die Gesellschaft, die Politik. Ihre Wege waren ebenso geradlinig wie ungewöhnlich.

Sie waren Avantgarde, weil Nachmachen für Unternehmer stets nur die zweit- oder drittbeste Lösung sein kann. Der mündige Unternehmer könnte ein geradenach ideales Vorbild für mündige Konsumenten und Staatsbürger werden, weil er in Verantwortung für sein Unternehmen nie aufhören darf, seine Produkte, Teams und Strategien mit dem Rest der globalisierten Konkurrenz zu vergleichen. Solange der Unternehmer im Markt agiert, ist er zur Mündigkeit verurteilt.

Die unternehmerische Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Mündigkeit, in der Freiheit und Verantwortung untergehakt voranmarschieren. Nirgendwo ist die Fortschrittserzählung so unmelancholisch intakt wie in der Geschichte der Ökonomie und der Technik. Mündigkeit heißt stets mehr Mündigkeit als Anforderung.

Wettbewerb heißt kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen

Der Grund, warum die postmarxistische Linke den Kapitalismus nicht wertschätzen kann, ist, weil er jedem Akteur in ihr hohe Mündigkeitsstandards abverlangt, die gängige Gesinnungslyriken wie einen schlechten Witz erscheinen lassen. Erfolg hat nur derjenige, der mündig agieren kann, in einem Feld maximaler Herausforderung. Wettbewerb im globalisierten Kapitalismus ist eine der härtesten Bewährungsproben für zeitgenössische Mündigkeitskonzepte. Der darwinistische Aspekt des Wettbewerbs setzt eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen voraus. Wer sich zu einem poetischen, intuitiven Unternehmertum entschließt, benötigt in seiner Unternehmensführung Mündigkeitskompensationen in den jeweiligen Vorständen bzw. Geschäftsführungen.

Die Mündigkeitsdefinition von Armin Nassehi, der in ihr die Entdeckung von potenziellen Abweichungsmöglichkeiten vermutet, wäre ins vulgärkapitalistische übersetzt, jene sehr amerikanische Diktion vom: „You have to make a difference“. Die Wiederholung ist unheroisch und im besten Falle unerfolgreich. Don’t immitate, innovate. Die Innovation entsteht entweder aus autistischem Genie oder ist das Ergebnis einer radikalen Mündigmachung des Unternehmers. Das belegen Jay-Z und Dirk Rossmann, Dr. Dre und Nicola Leibinger-Kammüller.

Zeitgenössische Unternehmenskultur ist eine Mündigkeitskultur nicht nur als ein Merkmal der Stärke und der Wehrhaftigkeit nach außen. Die Mündigkeit muss sich auch ins Innere des Unternehmens spiegeln. Der Unternehmer und die Führungskräfte müssen Mündigkeit produzieren und kultivieren. Sie brauchen mündige Mitarbeiter. War das alte Verhältnis in Unternehmen stark von Hierarchien geprägt, ist die zeitgenössische Art der Zusammenarbeit im Idealfall hierarchiearm, weil dies am effizientesten und damit ökonomisch am sinnvollsten ist. Die alten Einbahnstraßen, die von oben herab dem Mitarbeiter in seiner Funktion gestellt haben, sind kontraproduktiv und wirken wie eine Entfremdungsbeschleunigung. Hierarchie ist der autoritäre Bruder der Bürokratie.

Die Aufgabe mündiger Führung ist, für jeden Mitarbeiter einen Mündigkeits- und Verantwortungsraum zu skizzieren, in dessen Innenraum er frei und selbstbestimmt seine Strategie wählen darf, um die vereinbarten strategischen Ziele eines Unternehmens zu erreichen. Dazu ist es wichtig, dass Unternehmer und Manager selbst in der Lage sind, den Verantwortungs- und Mündigkeitsraum klar zu definieren. Die Führungskraft fördert, schafft und ermöglicht „Selbstführungskräfte“ (Wolf Lotter). Er tut dies auch, um im Inneren dieses Rahmen einer Unternehmenskultur zu etablieren, die nicht nur die Art und Weise der Zusammenarbeit regelt, sondern auch das Selbstverständnis des Unternehmens, der Marke, des Produkts.

Culture eats not only strategy for breakfast but everything, um diese Binse der Unternehmensberater zu verschärfen. Das kulturelle Selbstverständnis eines Unternehmens wird in der zeitgenössischen Marktwirtschaft zunehmend wichtig. Nach außen kommuniziert, steht die Marke für das Selbstverständnis des Unternehmens und damit aller Produkte, die den Namen der Marke tragen. Dies wiederum korrespondiert mit der Art der Produktion und wie die Produktion organisiert ist. Die Autorität der Führung hängt von der kulturellen Souveränität der Führung ab und wie sie in der Lage ist, die verschiedenen Selbstermächtigungen – im Beraterdeutsch: Empowerment – anzuregen und zu begleiten. Der Unternehmer oder Manager kann nur erfolgreich und effizient sein, wenn er in der Lage ist, seine Mitarbeiter mündig zu machen.

Subsidiarität und Mündigkeit sind eng verwandt

Dies ist insbesondere von Bedeutung, weil sich die Arbeits- und Produktionswelt, aber auch das Große und Ganze der globalisierten Ökonomie in unglaublicher Geschwindigkeit verändert. Unternehmen stolpern von einer Transformation in die nächste. Kultur und Werte schaffen dabei Identifikation und Identität, die Stabilität und Halt geben – während sich alles andere rapide wandelt.

Hierarchische Führungen sind langsam und zäh: sie müssen in der Disruption ständig Strategien und Ziele nachbessernd optimieren, anstatt durch die Autopoesie selbstermächtigter Abteilungen und Organisationen angetrieben und beflügelt zu werden. In rhizomatisch geführten Betrieben sind die unterschiedlichen Tentakel eben auch Wahrnehmungsassistenten.

Diese Art der Führung erfordert vom Unternehmer oder Manager eine hohe Form kultureller Kompetenz und Mündigkeit. Er muss die Codes seiner Zeit verstehen, lesen und interpretieren können, um seine eigene Verantwortung umsetzen zu können. Der Unternehmer wird zum Impresario. Er entwirft eine Kultur, deren DNA überall zu spüren ist: von der Gestaltung der Arbeitsplätze, über den Umgang mit den Mitarbeitern bis hin zu den kleinsten Verästelungen der Produktions- und Verwertungskette.

Führung selbst muss sich unter dem Aspekt des Mündigkeitsideals ständig problematisieren. Führung ist im ideal minimalinvasiv. Führung heißt, zeitgenössisch möglichst viele Freiräume zu lassen und dennoch keinerlei Fragen aufkommen zu lassen, die im Produkt wie in der Dienstleistung zu Indifferenz führen könnten. Das Prinzip der Subsidiarität ist eng verwandt mit dem Prinzip der Mündigkeit, wenn es um die Gestaltung und Weiterentwicklung von marktwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten geht.

Die Jugend hat keine Lust auf Mündigkeit

Die zentrale Herausforderung des Unternehmers ist, richtige Entscheidungen zu treffen, die er mündig nur dann treffen kann, wenn er selbstbestimmt und informiert selbst so mündig agieren kann, dass er seinem Unternehmen Wettbewerbsvorteile sichern und damit die Grundlage für den Aufbau bzw. den Fortbestand seiner Firma absichern kann. Er trägt die größte Verantwortung und hat damit die umfassendsten Mündigkeitsanforderungen. Deswegen darf er auch am meisten verdienen.

Der mündige Unternehmer ist natürlich auch ein mündiger – und wuchtiger – Konsument, und seine mündigen Mitarbeiter sind natürlich auch mündige Konsumenten. Hier schließt sich also fast ein wenig peinlich und erwartbar ein Kreis. Fast.

Denn es steht im Großen und Ganzen gar nicht so gut mit der Mündigkeit, wenn es um die Wirtschaft geht – und zwar weniger bei den Unternehmern selbst, sondern beim Rest der Gesellschaft. Immer mehr junge Menschen wollen lieber in den öffentlichen Dienst, die Quote an Unternehmensgründungen geht zurück. Wir haben keine unternehmerfreundliche Kultur im Lande, die Lust auf Mündigkeit macht. Das hat auch mit uns zu tun. Ja, mit uns.

Wir hier sind fast alle gescheitert. Wir verlieren gerade die wichtigsten Debatten, uns hören immer weniger zu: Die Lauten geben den Ton an und denjenigen, die am lautesten über die Segnungen der Marktwirtschaft reden, fehlt dazu oft jedes Talent. Die Freunde der Marktwirtschaft, unserem geliebten Hort mündiger Subjekte, sind entweder überangepasst oder in der Revolte gegen den zeitgenössischen Freiheitsekel auf katastrophale Art uncharmant oder verstaubt.

Die Marktwirtschaft hat in vielen Teilen der Gesellschaft einen miesen Ruf. Vollkommen zu Unrecht, wie wir wissen. Die Schulbücher aber zeichnen ein geradezu grotesk negatives Bild vom Unternehmertum und dem Kapitalismus. Die Popkultur ohne Migrationshintergrund, wenn sie aus Deutschland kommt, von den Kindersendungen über die Jugendfilme bis hin zur links-bourgeoisen Hochkultur rechnet mit dem Unternehmertum ab, wo es geht. Wären da nicht die Rapper mit Migrationshintergrund und wir, wären da nicht Samra und Dorothea Siems, Capital Bra und Heike Göbel, Juju und Rainer Hank, die Soziale Marktwirtschaft hätte keinerlei interessante Verteidiger.

Marktwirtschaft als nerdige Subkultur?

Das Versagen der ökonomischen Eliten in populären Diskursen, Talkshows treibt oft in die Fremdscham. Die Feigheit und der Opportunismus der Lobbys, des BDI, des VDA, die Anbiederungsseminare mit der Böll-Stiftung, die Mischung aus Unsicherheit und verdruckster Aggression gegen die häufig registrierte Ablehnung: all das verschärft den Drift in der Debatte, die im Augenblick unheilvoller kaum sein könnte. Statt über mehr Mündigkeit, mehr Freiheit, mehr Innovation, mehr Marktwirtschaft zu sprechen, sind die Egalitären und Etatisten mit abgestandenem Theoriequark am Drücker: Verstaatlichungen, Enteignung, Mietdeckel, Vermögensteuer, mehr Erbschaftssteuer, mehr Reichensteuer, mehr Abgaben, mehr Regulierung, mehr Staatswirtschaft. Die Pace machen die anderen, und diskursiv kommt aus der Ecke hier oft nur der alte, öde, uninspirierte Kram, der die Leute null abholt.

Das hat auch mit uns hier zu tun. Die Mises-Hayek-Rand-Marktwirtschaftssubkultur, so brillant und verdienstvoll sie ist, ist zu häufig eckensteherisch und nerdig. Die Posse um die Hayek-Gesellschaft erinnert mehr an linke Sekten als an die revolutionäre Theorieavantgarde, die sie elegant, gerissen, verführerisch sein müsste. Ein Teil der Marktfreunde hat sich ausgerechnet im Sozial-Nationalistischen verloren, ein anderer ist in eine besserwisserische Esoterik abgedriftet. Dabei ist die zeitgenössische Kultur voller Rolemodels wie Capital Bra, die nicht mit dem Segelboot von Schweden nach New York kommen müssen. Schriftsteller wie Maxim Biller und Intellektuelle wie Armin Nassehi, die autonom zwischen den Stühlen und Blöcken denken, schreiben und agieren.

Als 68er Kind, als stolzes, im Kinderwagen gegen Notstandsgesetze auf Demos gerollt, mache ich da weiter, wo meine Eltern aufgehört haben. Nun eben gegen Klimanotstandsgesetze. Uns aber kann ich den Appell, es künftig besser, neugieriger, origineller und charmanter anzugehen im Kampf für ein Verständnis von den Segnungen der freien und sozialen Marktwirtschaft, aber nicht ersparen.

Wir verlieren dieses Land. Und mit uns verliert dieses Land möglichweise (so bescheiden sollten wir sein) den Rest gesunden Menschenverstand, den Deutschland wie Hannah Arendt so genau wusste, nie so recht hatte. Schlechter als im Augenblick könnte es um die soziale und freie Marktwirtschaft im Sinne Erhards kaum stehen. Und die Kinder der Klimabewegung sind nur der Anfang. Sie sind die ersten Produkte eines vorpolitischen Raums und einer medialen Indoktrination, die sich einen Dreck um die Marktwirtschaft schert.

Jetzt können wir uns über öffentlich-rechtliche grüne Senderanstalten empören oder die linke Monokultur der meisten NGOs. Oder uns mit unserer eigenen Verantwortung dafür auseinandersetzen – und nachdenken, wieviel Mist wir gemacht haben, wie tumb und nostalgisch wir agiert haben. Die Zeit läuft uns davon. Die Mündigkeit wird gerade abgemeldet. Und mit ihr stirbt die Freiheit.

Link zur Dokumentation der Preisverleihung mit Fotos, Videos und Redebeiträgen.

 

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