Kernkraft als „Klimaretter“?

Deutschland und die EU wollen bis 2050 Treibhausgasneutralität erreichen. In vielen Ländern setzt man auf Kernkraft als „Klimaretter“. Das Umweltbundesamt hat in verschiedenen Studien gezeigt, dass dieses Ziel auch ohne Atomkraft erreichbar ist, so Karsten Krause.

Das Übereinkommen von Paris aus dem Jahr 2015 sieht vor, die Erderwärmung auf unter zwei Grad und besser noch auf unter 1,5 Grad zu begrenzen. Zu den Zielen des Abkommens gehört außerdem, dass in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts weltweit Treibhausgasneutralität erreicht wird. Deutschland und die EU wollen dieses Ziel 2050 umgesetzt haben.

Eine Schlüsselrolle auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität haben die Energieversorgung, -verteilung und -nutzung. Ein Großteil der bisherigen Emissionseinsparungen resultieren auf der Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Energieverbrauch sowie dem Ersatz von Kohle durch emissionsärmere, insbesondere erneuerbare Energien. Die Verfügbarkeit günstiger und emissionsarmer Elektrizität ist auch die Voraussetzung der Dekarbonisierungskonzepte für Verkehr und Industrie.

Kein Revival der Atomkraft

Vor diesem Hintergrund präsentiert sich die Atomkraft als Alternative zu fossilen Lösungen, technischen Kohlenstoffsenken und dem Ausbau erneuerbarer Energieträger. Laufzeitverlängerungen, Neubaupläne in anderen Ländern und innovative Atomkraftkonzepte sollen den deutschen Atomausstieg von 2011 als rückwärtsgewandte Idee erscheinen lassen. Nur gibt es kaum Hinweise auf eine bevorstehende Atomkraft-Renaissance.

Es sieht weniger nach einer Wiedergeburt der Atomantike aus, vielmehr passt das Bild der Spätantike: Neue Ideen führen zu einer Transformation des antiken Erbes. Dazu gehören wettbewerbsorientierte Marktorganisation und Transparenz bezüglich der Finanzierung.

Viele Atomkraftwerke in Europa haben bereits ihr 40. Dienstjubiläum hinter sich, Neubauten verzögern sich und ihre Kostenplanungen laufen aus dem Ruder. Ähnlich wie in parallelen Projekten in Frankreich und Finnland ist gerade das britische Atomkraftwerksprojekt Hinkley Point C ein Beispiel für steigende Kosten und Terminverzögerungen. Zwar werden hier die Mehrkosten vom Baukonsortium getragen, jedoch sind die Gewinnerwartungen des französisch-chinesischen Tandems durch eine – für 35 Jahre ab Inbetriebnahme – garantierte Einspeisevergütung gesichert. Die Planung des Kraftwerks begann bereits 2008, mit einer Inbetriebnahme wird 2025 gerechnet.

Das Umweltbundesamt hat in Studien gezeigt, dass Treibhausgasneutralität in Deutschland auch ohne Atomkraft erreichbar ist.

Der vermeintliche „Klimaretter“ Atomkraft würde Deutschland kaum vor 2050 zum Ziel bringen. Um die Gewinnerwartungen eines Baukonsortiums zu bedienen, müssten ebenfalls Einnahmegarantien und Haftungsbegrenzungen angeboten werden. Die nach wie vor ungeklärte Endlagerfrage und die begrenzte Akzeptanz der Atomkraft in Deutschland zeigen weitere Grenzen des „Klimaretters“.

Das Umweltbundesamt hat in Studien gezeigt, dass Treibhausgasneutralität in Deutschland auch ohne Atomkraft erreichbar ist. Dazu muss ambitioniert vorangeschritten werden. So bedarf es einer Initiative, um treibhausgasintensive Techniken und Produkte durch Effizienz, Suffizienz und Kreislaufführung in ihrer Wirkung zu reduzieren oder zu substituieren.

Daneben können die unvermeidlichen und die bereits emittierten Schadstoffe durch Kohlenstoffsenken wie Wälder und Moore aus der Atmosphäre entnommen werden. Anstatt auf langfristige und unwirtschaftliche Atomkraftwerksprojektplanungen zu setzen, sollten die Wettbewerbsvorteile erneuerbarer Energien genutzt werden. Zudem lassen sich mit der Renovierung von Gebäuden Klimaschutz, Kosteneinsparungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen verbinden.

Dr. Karsten Krause ist Leiter der Abteilung Klimaschutz und Energie im Umweltbundesamt.


Dieser Beitrag ist zuerst im Heft „Wohlstand für Alle – Klimaschutz und Marktwirtschaft“ aus dem Jahr 2020 erschienen. Das Heft kann unter info@ludwig-erhard-stiftung.de bestellt werden; oder lesen Sie es hier als PDF.