Standpunkt
Wie ein Echo aus sorgloseren Zeiten
03. Jul 2020
VON: ROGER KÖPPEL

Wie ein Echo aus sorgloseren Zeiten

Warum konnten die Klimawandel-Angsteinpeitscher so viele Leute fesseln? Dieser Frage geht Roger Köppel nach. Vielleicht auch deshalb, weil nichts erhebender ist als das Gefühl, einen Weltuntergang gemeinsam abzuwenden.

Die Aufmerksamkeit gewinnt, wer die Ängste der Leute beherrscht, wer sie nutzt und kontrolliert – wer sie anstachelt und bedient. Was vor einigen Jahren die Migration war, wurde später das Klima als Folge menschlicher Wohlstandssünden. Historiker werden erforschen müssen, wie es möglich war, dass sich ausgerechnet Europa – diese Reichtums-Oase – in eine derartige Fieberkurve apokalyptischer Zukunftspanik hineinhalluzinieren konnte.

Was für Europa im Kleinen gilt, trifft auf den Planeten im Großen zu: Die Konjunktur der grünen Klima-Moralisten fällt in ein Gunstjahrzehnt global steigender Lebensstandards, segensreicher Überalterung und sinkender Kindersterblichkeit. Noch nie genossen so viele Menschen auf der Erde einen so großen, wenn auch oft bescheidenen Wohlstand. China hat es fertiggebracht, rund 800 Millionen Bürger aus bitterster Armut zu befreien. Der hochschnellende menschengemachte CO2-Ausstoß ist Folge und Symptom dieses weltweiten Wohlstandsschubs. Wer das CO2 abstellt, stellt auch den Wohlstand ab – und stößt Milliarden von Menschen zurück in Armut, Elend und Krieg.

Niemand bestreitet, dass das gigantische Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum Umweltprobleme verursacht: die Vermüllung der Ozeane, das Abroden der Tropenwälder, das Aussterben von Insektenarten. Nachrichten dieser Art lassen viele Bewohner der westlichen Wohlstandssphäre voller Mitleid zusammenzucken. Glücklich ist das Land, das sich um die Bewahrung seiner Gletscher oder um die Pflege unbekannter Insektenarten kümmern kann. Wer seine Prioritäten so ausrichtet, hat die Mühsal der Existenzsicherung hinter sich.

Warum beten so viele Menschen die Weltuntergangspriester des Klimawandels an? Vielleicht auch deshalb, weil nichts erhebender ist als das Gefühl, einen Weltuntergang gemeinsam abzuwenden. Vor allem dann, wenn es nichts kostet. Man kann eine Angst politisch meist nur mit einer Gegenangst bekämpfen. Und welche Angst verfängt, hat am Ende damit zu tun, wie gut es einer Gesellschaft gerade geht.

Wer das CO2 abstellt, stellt auch den Wohlstand ab – und stößt Milliarden von Menschen zurück in Armut, Elend und Krieg.

Was ist angsteinflößender? Die abstrakte Angst vor einer mutmaßlichen Klimakatastrophe in 80 Jahren? Oder die konkretere Angst vor den wirtschaftlichen Sofortfolgen einer panikbefeuerten Klimawandelverhinderungspolitik? Das sterile Anrechnen gegen die Klimakatastrophenwalze dringt nicht durch, solange die meisten ihren Wohlstand für gegeben halten. Wenn allerdings durch einen Krieg – oder eine Pandemie – die Weltwirtschaft zusammenbricht, verfliegen schnell die Wohlstandsängste.

Der liberale Skeptiker versucht, gerade in aufgepeitschten Zeiten an Grundtatsachen des Lebens zu erinnern. Die freiheitliche Marktwirtschaft ist nicht nur eine zivilisatorische Errungenschaft. Sie ist vor allem die Existenzgrundlage für Milliarden von Menschen. Ohne Wirtschaft gibt es keine Lebensmittel, keine Industrie, keine Medikamente, keine Altersvorsorge, kein Gesundheitswesen, keinen Umweltschutz. Eine Gesellschaft, die sich die Welt als mittelalterlich geschütztes grünes Paradies erträumt, hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

Simple Wahrheiten können im Überfluss vergessen gehen. Geht es allen schlechter, kehrt die Realität zurück. Die Hochkonjunktur der Klimawandel-Angsteinpeitscher wirkt heute fast schon wie ein fernes Echo aus sorgloseren Zeiten.

Roger Köppel ist Verleger und Chefredakteur der „Weltwoche“ und Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP). 2010 erhielt er den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik.


Dieser Beitrag ist zuerst im Heft „Wohlstand für Alle – Klimaschutz und Marktwirtschaft“ aus dem Jahr 2020 erschienen. Das Heft kann unter info@ludwig-erhard-stiftung.de bestellt werden; oder lesen Sie es hier als PDF.

 
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