Standpunkt
Vom Papier- zum Kryptogeld
02. Dez 2016
VON: THOMAS MAYER

Vom Papier- zum Kryptogeld

Kryptogeld ist eine Finanzinnovation unserer Zeit, die erst durch die Entwicklung computergestützter Verschlüsselungstechnik möglich wurde. Es hat das Potenzial, das Papier-, Münz- und Giralgeld zu verdrängen.

Vom ersten Papiergeld in China zur Schwedischen Reichsbank

Papiergeld war eine chinesische Finanzinnovation in der Zeit der Song-Dynastie um die erste Jahrtausendwende. Sie sollte dem in dieser Zeit auftretenden Mangel an Kupfergeld abhelfen. In der Zeit der Yuan-Dynastie im 14. Jahrhundert wurde es zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt, und unter der darauf folgenden Ming-Dynastie bekam das Finanzministerium das Recht, das Papiergeld zu emittieren. Da es sehr ausgiebig davon Gebrauch machte, wurde das Papiergeld im Verlauf des 15. Jahrhunderts vorübergehend nahezu wertlos.

Im 17. Jahrhundert kam ein findiger schwedischer Bankier namens Johan Palmstruch als Erster in Europa auf die Idee, gegen die Einlage von Kupfermünzen papierne Banknoten auszugeben. Palmstruch behielt nur einen Teil der Kupfergeldeinlagen in seiner Bank und lieh den Rest aus. Da die Kreditnehmer ebenfalls lieber Banknoten als Kupfermünzen nutzen wollten, flossen diese wieder an die Bank zurück und konnten erneut ausgeliehen werden. So konnte Palmstruch weit mehr Banknoten ausgeben, als Kupfergeld eingelegt worden war. Als jedoch eines Tages der Preis von Rohkupfer über den Nennwert der Münzen stieg, wollten die Einleger ihre Münzen gegen das Papiergeld einlösen, um sie einschmelzen zu lassen. Palmstruch machte Bankrott. Die schwedische Krone übernahm kurzerhand die von Palmstruch gegründete Bank und erklärte das ausgegebene Papiergeld zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Heute heißt die Bank Schwedische Reichsbank.

Finanzinnovation Kryptogeld…

Kryptogeld ist eine Finanzinnovation unserer Zeit, die das Zeug hat, das Papiergeld abzulösen. Möglich wurde sie durch die Entwicklung computergestützter Verschlüsselungstechnik. Geldtransaktionen werden kodiert und in Blöcke gefasst, die aneinander gekettet werden. Die so geschaffene „Blockchain“ erfasst alle Transaktionen und stellt sicher, dass nur legitim geschaffenes Geld (und kein Falschgeld) im Tausch gegen Waren weitergegeben wird. Es ist, als ob die Nummern der Banknoten statt der Banknoten selbst von Hand zu Hand wanderten.

Bitcoin war das erste Kryptogeld auf der Grundlage der Blockchain-Technologie. Es wurde von einem anonymen Erfinder mit libertären Neigungen, der sich Satoshi Nakamoto nannte, als Antwort auf die Finanzkrise entwickelt. Nakamoto wollte privates Geld, dessen Ausgabe strikt begrenzt und dessen Volumen wie das von Gold endlich sein würde. Statt wie Gold aus der Erde gegraben, wird Bitcoin elektronisch unter Einsatz von Computerrechenzeit geschaffen. Aber wie bei Gold ist das potenziell verfügbare Volumen begrenzt. Der Bitcoin-Algorithmus ist so konstruiert, dass mit zunehmender Geldmenge die Schaffung von Bitcoin immer aufwendiger wird und bei Erreichen von 21 Millionen Bitcoin nicht länger möglich ist.

Wie beim Papiergeld stehen China und Schweden an der Spitze bei der Einführung von offiziellem Kryptogeld. Beide Zentralbanken haben bekannt gegeben, dass sie die teilweise Umstellung ihres Papiergelds auf digitales Geld untersuchen. Allerdings haben sie offen gelassen, ob sie sich der Blockchain-Technologie bedienen werden, um die Geldübertragungen zu registrieren. Im Gegensatz zum privaten Kryptogeld wie Bitcoin könnte die Schaffung von offiziellem Kryptogeld auch zur Verfolgung wirtschaftspolitischer Ziele genutzt werden. Noch gibt es bei uns Widerstand gegen die Umstellung von Papiergeld auf Kryptogeld, weil damit eine bessere staatliche Kontrolle von Geldtransaktionen befürchtet wird. Doch sind die Transaktionskosten bei Kryptogeld wesentlich niedriger als beim herkömmlichen Geld, und Datenschutz ist auch bei Kryptogeld möglich. Man darf daher also getrost annehmen, dass das Papiergeld über kurz oder lang vom Kryptogeld verdrängt werden wird.

…und die Folgen für die Banken und ihre Kunden

Mit Kryptogeld verschwindet der Unterschied zwischen Papiergeld und Giralgeld. Letzteres wird durch die Kreditvergabe der Banken geschaffen, indem diese dem Kreditnehmer das geliehene Geld einfach auf seinem Konto gutschreiben. Seinen offiziellen Charakter als Geld bekommt Giralgeld dadurch, dass die Banken versprechen, dass sie es jederzeit und unter allen Umständen zum Nennwert in das von der staatlichen Zentralbank als gesetzliches Zahlungsmittel herausgegebene Papiergeld eintauschen. Dieses Versprechen darf geben, wer vom Staat eine Banklizenz erhalten hat. Mit Kryptogeld können jedoch „bargeldlose“ Zahlungen ohne Vermittlung einer Bank direkt zwischen Nichtbanken abgewickelt werden. Kryptogeld kann auch ohne den Umweg über die Kreditgewährung der Banken vom Emittenten direkt geschaffen und an die Nutzer verteilt werden. Kryptogeld ist daher auch eine interessante Alternative zu Giralgeld.

Die Umstellung auf Kryptogeld hat weitreichende Konsequenzen für Banken und ihre Kunden:

  • Erstens würde sich das Geschäft der Banken erheblich ändern, wenn sie über Kreditvergabe kein Giralgeld mehr schaffen könnten. Sie müssten nun Kryptogeld von Sparern einsammeln, um Kredite vergeben zu können. Die Banken würden die Sparsummen mit ihrem Eigenkapital garantieren. Überstiegen Verluste aus Kreditgeschäften das Eigenkapital der Bank, wäre nicht nur die Bank bankrott, sondern der Sparer würde auch einen Teil seiner Ersparnisse verlieren. Allerdings würde die Insolvenz von Banken nicht länger wie im Kreditgeldsystem zur Vernichtung von Geld führen. Das Kryptogeld selbst bliebe erhalten, auch wenn Kreditverträge gebrochen würden. Mit Kryptogeld wären Banken daher nicht mehr „systemrelevant“.
  • Zweitens würde die Bildung des Kreditzinses von der Geldschöpfung entkoppelt, wenn diese nicht mehr von der Kreditvergabe abhinge. Kryptogeld wäre wie Papiergeld zinslos und würde wie dieses vom Emittenten direkt geschaffen. Der Kreditzins würde sich aus dem Angebot an Sparkapital und der Nachfrage nach Krediten ergeben.
  • Drittens wären ein Kreditgeber der letzten Instanz und eine Einlagenversicherung nicht mehr nötig. Wenn Banken nicht länger Giralgeld als privates Schuldgeld produzieren würden, könnten sie auch nicht mehr in die Verlegenheit kommen, dieses Schuldgeld nicht mit gesetzlichem Zahlungsmittel decken zu können. Und wenn Geld nicht mehr über Kreditvergabe erzeugt wird, könnte es auch nicht wertlos werden, wenn Kredite ausfallen.
  • Viertens ginge der Gewinn aus der Geldschöpfung, die sogenannte Seigniorage, ausschließlich an die Geldemittenten statt wie im Kreditgeldsystem an Zentralbank und Kreditbanken. Der Bitcoin-Algorithmus ist so programmiert, dass diejenigen, die die Rechtmäßigkeit von Transaktionen überprüfen („Miners“ genannt), für ihre Mühe durch die Zuteilung von neuen Bitcoins belohnt werden (zumindest solange die Bitcoin-Geldmenge wächst). Ein öffentlicher Emittent von Kryptowährungen könnte die Seigniorage vollständig einnehmen und die Überprüfung von Transaktionen gegen Bezahlung an vertrauenswürdige Unternehmen delegieren.

Vom Münz-, Papier- und Giralgeld zum Kryptogeld?

Im Lauf der Geschichte verdrängte zunächst das Papiergeld das Münzgeld und dann das Giralgeld das Papiergeld. Dennoch existieren heute noch alle drei Geldformen, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang. Kryptogeld hat das Potenzial, alle drei Geldformen zu verdrängen. Vermutlich werden sie nicht alle gänzlich verschwinden, aber sie werden wohl von Kryptogeld überschattet werden.

Prof. Dr. Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Honorarprofessor an der Universität Witten-Herdecke. Er ist Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung und Mitglied der Jury des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik.

 
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