Standpunkt
Soziale Marktwirtschaft statt Planwirtschaft
16. Jul 2019
VON: LUDWIG-ERHARD-STIFTUNG

Soziale Marktwirtschaft statt Planwirtschaft

Vor 70 Jahren, am 15. Juli 1949, verkündete die CDU die „Düsseldorfer Leitsätze“ und vollzog damit eine Abkehr von der Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft. Einen Monat später zog die Partei mit dem Slogan „Soziale Marktwirtschaft statt Planwirtschaft“ in die erste Bundestagswahl, in der die Union stärkste Kraft wurde. Ludwig Erhard hatte großen Einfluss auf diese wirtschaftspolitische Wende der Christdemokraten.

Die Düsseldorfer Leitsätze der CDU lösten das Ahlener Programm vom Februar 1947 ab, in dem sich die Partei gegen Marktwirtschaft und für staatliche Planung und Lenkung der Wirtschaft ausgesprochen hatte. Damals strebten Teile der CDU noch einen „christlichen Sozialismus“ an und forderten zur Überwindung des „kapitalistischen Gewinn- und Machtstrebens“, Schlüsselindustrien zu verstaatlichen.

Die Wende der Christdemokraten hin zu einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik war Ludwig Erhard und insbesondere seinem Auftritt auf dem zweiten Parteitag der CDU der britischen Zone im August 1948 zu verdanken. In seiner ersten Rede vor einem größeren Gremium der CDU, die wir nachfolgend dokumentieren, trug er die Grundgedanken seiner Politik vor.

Ludwig Erhard überzeugte die Partei, dass nur durch eine Befreiung der Marktkräfte die damals herrschende Notlage überwunden werden könne. Auf einer nachfolgenden Sitzung des Zonenausschusses der CDU der britischen Zone in Königswinter (24. und 25. Februar 1949) regte er einen Ausschuss an, der mit Blick auf die Bundestagswahl im August 1949 wirtschaftspolitische Leitlinien formulieren sollte. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und es entstanden die Düsseldorfer Leitsätze, die am 15. Juli 1949 veröffentlicht wurden.

Rede Ludwig Erhards vor dem zweiten Parteikongreß der CDU der britischen Zone am 28. August 1948 in Recklinghausen

„Mit der wirtschaftspolitischen Wendung von der Zwangswirtschaft hin zur Marktwirtschaft haben wir mehr getan als nur eine engere wirtschaftliche Maßnahme in die Wege geleitet; wir haben damit unser gesellschaftswirtschaftliches und soziales Leben auf eine neue Grundlage und vor einen neuen Anfang gestellt. Wir mußten abschwören der Intoleranz, die über die geistige Unfreiheit zur Tyrannei und zum Totalitarismus führt. Wir mußten hin zu einer Ordnung, die durch freiwillige Einordnung, durch Verantwortungsbewußtsein in einer sinnvoll organischen Weise zum Ganzen strebt. Anstelle eines seelenlosen Kollektivismus, der unser Volk in die Not und in das Elend der Vermassung brachte, mußten wir hin zu einem organisch verantwortungsbewußten Staatsdenken.

Diese Freiheit bedeutet nicht Freibeutertum, und sie bedeutet nicht Verantwortungslosigkeit, sondern sie bedeutet immer verpflichtende Hingabe an das Ganze. Nicht der sinn- und seelenlose Termitenstaat mit seiner Entpersönlichung des Menschen, sondern der organische Staat, gegründet auf die Freiheit des Individuums, zusammenstrebend zu einem höheren Ganzen, das ist die geistige Grundlage, auf der wir eine neue Wirtschaft, eine neue gesellschaftliche Ordnung aufbauen wollen. Die Dinge liegen nicht so einfach, als daß durch den scheinbaren Dualismus hier Planwirtschaft, dort Marktwirtschaft tatsächlich die ganze Problematik umrissen wäre. Die Planwirtschaft führt nach allen historischen Erfahrungen und nach allen logischen Überlegungen über gewisse Zwischenstadien mit Sicherheit zuletzt immer zur Zwangswirtschaft, während die Marktwirtschaft völlig falsch ausgedeutet wäre, wenn man ihr etwa Planlosigkeit vorwerfen würde. Ich glaube, in diesen letzten acht oder zehn Wochen seit der Währungsreform ist mehr geplant, das heißt mehr planende Vorsorge und mehr planende Vorausschau geleistet worden als in den zurückliegenden Jahren der Zwangswirtschaft.

Die Planwirtschaft mündet immer darin, daß das einzelne Individuum als Erzeuger und als Verbraucher unter die Knute des Staates – nein, vielmehr noch unter die Knute einer seelenlosen Bürokratie – gezwungen wird. Der einzelne Staatsbürger wird entwürdigt und gedemütigt. Er fühlt immer nur die Kandare im Maule, sie mußte abgelöst werden durch eine Marktwirtschaft, die nichts zu tun hat mit den Schlagworten, die ihr angeheftet werden und die aus der Rumpelkammer des Liberalismus stammen. Nicht die freie Marktwirtschaft des liberalistischen Freibeutertums einer vergangenen Ära, auch nicht das ‚freie Spiel der Kräfte‘ und dergleichen Phrasen, mit denen man hausieren geht, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen läßt, die den Wert der Persönlichkeit obenan stellt und der Leistung dann aber auch den verdienten Ertrag zugute kommen läßt, das ist die Marktwirtschaft moderner Prägung.

Die Planwirtschaft mündet immer darin, daß das einzelne Individuum als Erzeuger und als Verbraucher unter die Knute des Staates – nein, vielmehr noch unter die Knute einer seelenlosen Bürokratie – gezwungen wird. Der einzelne Staatsbürger wird entwürdigt und gedemütigt.

Wenn das Geschehen der letzten zehn Wochen einer Betrachtung unterzogen wird und wir rückblickend leidenschaftslos überprüfen wollen, ob der eingeschlagene Weg der richtige war oder ob er tatsächlich so viele Gefahren und so viele Störungen mit sich gebracht hat, wie ihm heute angedichtet werden, dann wollen wir einmal feststellen, in welchem Zustande wir in die Währungsreform eintraten. Denn das eine möchte ich mit aller Deutlichkeit herausstellen: Eine Währungsreform ohne einen wirtschaftlichen Kurswechsel wäre, wie alle Einsichtigen einsehen, zu einem völligen Scheitern der Reform verurteilt gewesen.

Vor der Währungsreform konnte man überhaupt nicht mehr von einer funktionsfähigen Wirtschaft sprechen. Eine hochkomplizierte und hochentfaltete Marktwirtschaft war durch das währungspolitische Chaos und den darüber getürmten bürokratischen Übermut der Zwangswirtschaft in die Methoden einer primitiven Tauschwirtschaft zurückgefallen. Es gab keine geordnete Produktion mehr, es gab vor allen Dingen keinen Güteraustausch mehr, es gab keine arbeitsteilige Wirtschaft, sondern es gab nur noch einen zusammengewürfelten, seelenlosen, verantwortungslosen Haufen von Lebensangst geplagter Individuen, wo jeder, so gut er konnte, seine rein physische Existenz zu bewahren suchte. Diesen Zustand haben wir überwunden. Es hat wie ein Wunder angemutet, obwohl es nur wohldurchdachte Planung im besten Sinne des Wortes war, daß wir dieses gesellschaftlichen Chaos auf der Grundlage einer neuen Währung dank eines entschlossenen wirtschaftspolitischen Kurswechsels in wenigen Tagen Herr werden konnten.

Wenn heute von der Not gesprochen wird, in die uns diese Wirtschaftspolitik zusammen mit der Währungsreform gebracht habe, dann wollen wir doch eines nicht vergessen und den unwiderlegbaren Beweis führen, daß in den Wochen seit der Währungsreform der deutsche Normalverbraucher, der überhaupt in Vergessenheit geraten war, unendlich viel mehr konsumieren konnte als in den drei Jahren der Zwangswirtschaft zusammengenommen.

Es ist im übrigen eine völlige Illusion, eine wahre Utopie, zu glauben, daß zu einem Zeitpunkt, in dem wir erwarten konnten und erwarten mußten, daß ein Kaufkraftstoß von mehr als fünf Milliarden Mark auf einen unbekannten Markt aufprallt, etwa mit Mitteln der Bewirtschaftung und des Preisstops die äußere Ordnung und ein völlig reibungsloser Ablauf der wirtschaftlichen Ereignisse gewährleistet sein konnte. Das ist eine völlige Unmöglichkeit. Das Beste, was uns hätte pasieren können, wäre die gründliche Untergrabung der staatlichen Autorität gewesen, indem ebendiese Flut von Kaufkraft, gedrängt von der Not einer durch viele Jahre darbenden Masse, alle Barrieren übersprungen und niedergewalzt hätte, und wenn es schlecht gekommen wäre, dann wären wir gar völlig in den Zustand der vergangenen drei Jahre versunken und darin umgekommen. Damit wäre dann aber auch die Währungsreform zum Scheitern verurteilt gewesen.

Nicht die freie Marktwirtschaft des liberalistischen Freibeutertums einer vergangenen Ära, auch nicht das ‚freie Spiel der Kräfte‘ und dergleichen Phrasen, mit denen man hausieren geht, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen läßt, die den Wert der Persönlichkeit obenan stellt und der Leistung dann aber auch den verdienten Ertrag zugute kommen läßt, das ist die Marktwirtschaft moderner Prägung.

In diesem Zusammenhange noch einmal ein Wort über die Hortung. Sie wissen ja, daß mir vorgeworfen wird, ich wäre gewissermaßen der Schutzheilige der Horter gewesen und hätte die Hortung zur nationalen Tat gestempelt. Meine Damen und Herren! Mich fechten derartige gemeine Verleumdungen ganz bestimmt nicht mehr an, sonst könnte ich an dieser Stelle, an der ich stehe, nicht weiter wirken. Aus dem Gefühl meines guten Gewissens und des ehrlichen Strebens aber, unserem ganzen Volk aus diesem Elend herauszuhelfen, werde ich diese Politik fortführen, solange ich nur Ihres Vertrauens sicher sein kann. Sosehr ich die Hortung als individuelle Maßnahme verabscheue, so sehr fühle ich mich doch verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß eine radikale Entleerung unserer volkswirtschaftlichen Läger notwendig dahin geführt haben würde, daß der aus der Währungsreform freigewordene Kaufkraftstrom ins Leere stößt. Damit wäre die Währung entweder vom ersten Tage an zum Schei­tern verurteilt gewesen, oder aber man hätte, wie es offenbar manche Leute wollen, mit Mitteln der staatlichen Bewirtschaftung und der staatlichen Preisbildung das Volk weiter unter der Knute und unter der Fron dieser Bürokratie halten müssen. Einen anderen Ausweg hätte es nicht gegeben, und wer sich heute über die Hortung entsetzt – deren Sünder allerdings durch eine künftige Steuerreform und insbesondere durch den Lastenaus­gleich ihrer Früchte wieder beraubt werden sollen und auch beraubt werden müssen –, mag doch bedenken, daß diese Hortung als solche, das heißt als volkswirtschaftliches Phänomen betrachtet, eben doch ein Stück der gan­zen Währungsreform war. Es ist unehrlich, sich auf der einen Seite zu entrüsten, wenn man ganz genau weiß, daß, wenn dieses Polster uns nicht zur Verfügung stand, die Währung Schiffbruch erlitten hätte. Mit der zusammengebrochenen Währung aber wären wir noch ein Stück tiefer, und zwar in einen ausweglosen Abgrund verfallen.

Wenn heute weiter als Kritik angeführt wird, daß es vermessen war, in diesem Zustand, in dem sich unsere Wirtschaft befand, den Übergang von der Zwangswirtschaft zur Marktwirtschaft zu vollziehen, weil den Bedarf durch das Güterangebot zu decken keine Aussicht bestand, dann möchte ich diese Auffassung noch einmal als eine Illusion kennzeichnen. Es wird so dargestellt, als ob die eine Komponente unserer Wirtschaft das Bedürfnis wäre, das Bedürfnis als eine psychologische oder physiologische Kategorie, und auf der anderen Seite stünde das etwas schmälere oder etwas breitere Güterangebot. So aber liegen die Dinge ja gar nicht. Sicher­lich – gemessen an dem Bedürfnis unseres Volkes, das durch so viele Jahre bittere Not gelitten hat – würde keine Güterproduktion ausreichen, um diesen zurückgestauten Bedarf decken zu können. Das könnte aber keine Wirtschaft, sie könnte geordnet sein und aussehen, wie sie wollte! Die volkswirtschaftlich relevanten Größen sind auf der einen Seite die kaufkraftgedeckte Nachfrage und auf der anderen Seite die Güterproduktion oder eben unser Sozialprodukt. Diese beiden Größen sind nicht auseinan­derzureißen; denn in jeder geordneten Volkswirtschaft, die nicht mehr gestört wird durch staatliche finanzpolitische Falschmünzerei, ist die Bil­dung des Volkseinkommens mit der volkswirtschaftlichen Güterproduk­tion unlösbar verkoppelt. Das Einkommen entsteht zusammen mit der Produktion in gleichem Umfange und im gleichen Tempo. Wir sind arm, wenn wir wenig produzieren und dementsprechend nur über ein geringes Volkseinkommen verfügen; wir sind reicher, wenn wir mehr produzieren und so auch mehr Einkommen aus dieser erhöhten Leistung beziehen können. Aber etwa zu glauben, daß die relative Armut, in der wir uns befinden, die mangelnde Produktivität unserer Volkswirtschaft, ein Anlaß wäre, nicht zur Marktwirtschaft übergehen zu können, widerlegt sich von selbst. Das würde bedeuten, daß das Ziel der Volkswirtschaft die Verwaltung der Armut ist, während ich als volkswirtschaftliches Ziel nur eines kenne: durch Mehrarbeit, durch höhere Leistung, durch höhere Ergiebigkeit unserer Volkswirtschaft unser Volk aus der Armut herauszuführen.

Es gibt keinen Grund, einzusehen, warum diese relative Armut, von der ich sprach, uns zwingen müßte, die Zwangswirtschaft mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. Wenn Sie nach historischen Entwicklungen suchen und sich in den europäischen Volkswirtschaften umsehen, dann können Sie feststellen, daß nicht reiches Land und Marktwirtschaft oder armes Land und Zwangswirtschaft bzw. Planwirtschaft zusammenfallen, sondern daß es immer der freie Entschluß eines freien Volkes ist, nach wel­chen Prinzipien es eine Wirtschaft zu gestalten und zu ordnen gedenkt.

Es genügt ein Blick auf die französische Zone, um an diesem Beispiel darzutun, daß gar kein anderer Weg übriggeblieben wäre als eben der von uns beschrittene. In der französischen Zone sind die Dinge nach der Währungsreform, die dort ja genauso aussieht wie die unsere, nicht etwa besser geworden, sondern sie waren wesentlich schlechter. Zu einem erheblichen Teil sind dort die Bewirtschaftung und alle staatlich errichteten Schranken einfach überfahren worden. Daneben aber sind die früheren Mißstände: der Verkauf unter dem Ladentisch, die Korruption, die Schiebung, die Kompensation und alle diese Errungenschaften und Merkmale der Zwangswirtschaft weiter bestehen geblieben. Es ist also gar nicht so, als ob wir bei vernünftigem Handeln die freie Entscheidung gehabt hätten. Was wir in dieser Situation tun mußten, war: die Fesseln lösen. Wir mußten es tun, um in unserem Volke endlich wieder moralische Grundsätze zur Anwendung zu bringen und den Beginn einer Läuterung unserer Gesellschaftswirtschaft zu unternehmen.

Zu glauben, daß die relative Armut, in der wir uns befinden, die mangelnde Produktivität unserer Volkswirtschaft, ein Anlaß wäre, nicht zur Marktwirtschaft übergehen zu können, widerlegt sich von selbst. Das würde bedeuten, daß das Ziel der Volkswirtschaft die Verwaltung der Armut ist, während ich als volkswirtschaftliches Ziel nur eines kenne: durch Mehrarbeit, durch höhere Leistung, durch höhere Ergiebigkeit unserer Volkswirtschaft unser Volk aus der Armut herauszuführen.

Die reale Lage unserer Volkswirtschaft ist zweifellos die, daß sie sich gegenüber einem früheren Standard oder gemessen an der Situation reicherer Volkswirtschaften in einer sehr unglücklichen Position befindet. Ich brauche nur zu sprechen von den Vernichtungen unseres Produktionsapparates durch Einflüsse des Krieges, von der technischen Rückständigkeit, in die wir durch die Abschnürung von der Welt gerieten, von der geistigen und materiellen Isolierung – ich brauche nur zu erinnern an die mangelnde Arbeitsfähigkeit des durch Hunger ausgemergelten deutschen Volkes, um darzutun, daß diese unsere Volkswirtschaft mindestens in dem Zustand, in dem sie mit der Währungsreform in eine neue Phase getreten ist, zwangsläufig nur ein geringes Sozialprodukt erstellen konnte. Dieses geringe Sozialprodukt mit Mitteln der Zwangswirtschaft gerecht zu verteilen, hat sich, wie ich noch einmal herausstellen möchte, als eine so vollkommene Illusion erwiesen, daß es völlig abwegig gewesen wäre, auf diesem bitteren Weg fortzuschreiten. Wir verfielen mehr und mehr der Atomisierung. Jede Woche gab es neue Sonderkontingentträger und wie diese Institutionen alle hießen – mit der Folge, daß die Masse des Volkes, der Normalverbraucher, überhaupt völlig vom Konsum ausgeschaltet war. Jeder Versuch, nach dieser Richtung hin eine Änderung herbeizuführen, hat nicht etwa zu einem Erfolg geführt, sondern war begleitet von den schlimmsten Demütigungen und Entwürdigungen, die überhaupt ein Mensch hinnehmen kann. Wenn Sie heute hinausgehen auf die Straße und fragen das Volk, was es lieber möchte, entweder den vergangenen Zustand wieder aufzurichten mit der sehr fragwürdigen Chance, nun vielleicht etwas mehr konsumieren zu können, oder Freiheit und Würde zurückgewonnen zu haben, nicht vor Amtsstuben anstehen zu müssen, um dort mit unwürdigen Mitteln seine Armut zu belegen, dann, bin ich überzeugt, bekommen Sie von unserem Volk nur eine Antwort: Wir sind glücklich, daß wir endlich wieder Menschen sein dürfen, aus der Versklavung der Herzen und der Hirne endlich herausgerissen zu sein.

Unsere heutige Wirtschaft leidet darunter, daß wir alle mit falschen Vorstellungen an unser gesellschafliches Leben herangehen. In uns sind Erinnerungen aus der Vergangenheit, die wir um so weniger tilgen können, als wir die letzten Jahre in einem Zustande gelebt haben, der keinen Vergleich und keine Basis für eine reale Betrachtung zuließ. Jeder einzelne macht sich heute, da er wieder echtes Geld in der Hand hat, Gedanken darüber, wie er sein Leben früher hat gestalten können; und wenn er solche Vergleiche mit der ‚guten alten Zeit‘ zieht, muß er selbstverständlich zu dem Ergebnis kommen, daß es ihm heute schlechter geht als früher. Diese Erkenntnis mag bitter sein, um so bitterer, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, an die primitiven Instinkte zu appellieren und mit verlogener Demagogie dem einzelnen vorzugaukeln, daß nicht die äußere materielle Not, nicht das, was wir in jenen unglückseligen zwölf Jahren verschuldet haben, die Schuld trägt, sondern die Männer, die es übernommen haben, das Volk aus dem Elend herauszureißen. Sie sollen verantwortlich sein, wenn in acht Wochen nach dem Chaos noch nicht die reibungslos funktionierende, die soziale Wohlfahrt voll garantierende Wirtschaft erreicht ist. Diese Methode richtet sich in den Augen aller gerecht und ehrlich Denkenden von selbst.

Die falschen Vorstellungen gehen aber auch dahin, daß in uns Erinnerungen wachgerufen werden, die auf der Ordnung einer hierarchischen Einkommenspyramide beruhen. Fast unwillkürlich wird gefolgert, daß, gemessen an dem Lohn des Arbeiters, der Angestellte soviel und der Beamte etwas mehr, der Handwerker dies, der Händler jenes und der Industrielle entsprechend noch mehr verdienen dürfe. Und aus dieser Vorstellung leitet dann der einzelne die sittliche Berechtigung zu seinem Lebensstandard auch für die Gegenwart ab. Das aber ist eine Täuschung, die sich bitter rächen muß. Ich glaube, wir wären als gesamtes Volk und als Volkswirtschaft schon wesentlich weiter, wenn wir einzusehen bereit wären, daß diese Rechnung mit großen Irrtümern und Fehlern behaftet ist. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, daß unser Sozialprodukt heute ungefähr 35 Milliarden Mark ausmacht und daß sich in dieses Sozialprodukt 45 Millionen Menschen zu teilen haben, deren Lebensanspruch wir nicht kürzen können und kürzen wollen, wenn wir an die vielen Flüchtlinge denken und an all die Menschen, die nicht mehr arbeiten können, dann läßt sich leicht errechnen, daß fiir eine stark überhöhte Einkommenspyramide in unserer Volkswirtschaft kein Raum mehr sein kann. Diese Einkommensstufungen können vielmehr nur relativ schwach sein, aber auf der anderen Seite brauchen wir den Leistungsanreiz – vom Arbeiter bis zum Unternehmer –, weil wir die Chance bieten müssen, durch Mehrleistung einen höheren Anspruch an das Sozialprodukt zu gewährleisten. Hier tut sich eine Problematik auf: Wir sind so arm geworden, daß für Differenzierungen wenig Raum bleibt; aber wir können auf die Differenzierungen nicht verzichten, um den Leistungswettbewerb zu fördern. Diese höhere Leistung erreichen wir nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre bestimmt nicht durch Kommandos, durch eine Überspitzung der Bürokratie und die Auswirkung eines Verwaltungsapparates, der volkswirtschaftlich gesehen nur ein Schmarotzer am Volkskörper ist, sondern wir erreichen sie dadurch, daß jeder einzelne durch die natürliche Ordnung des Marktes an den Platz gestellt wird, wo er am meisten leistet, und auf diesem Platz dann seine Kraft für sich und für die Gesamtheit bis zur Neige ausschöpft.

Die Störungen, die wir in den letzten Wochen erlebt haben und die ich gar nicht leugnen möchte, basieren angesichts der allgemeinen Unsicherheit, in der sich alle Menschen bewegten, wesentlich darauf, daß der äußere Maßstab für das Mögliche noch nicht vorhanden ist. Denn daß die Behörden nicht alles durch Dekrete und Gesetze ordnen können, dessen sind wir uns wohl bewußt. Der Markt aber konnte in acht Wochen noch nicht in der Lage sein, den einzelnen – mit oder, wenn es not tut, auch gegen seine Einsicht – dazu zu zwingen, sich im Rahmen einer sozialen Ordnung in diese Gesellschaft einzufügen und sich entsprechend zu bescheiden.

Höhere Leistung erreichen wir nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre bestimmt nicht durch Kommandos, durch eine Überspitzung der Bürokratie und die Auswirkung eines Verwaltungsapparates, der volkswirtschaftlich gesehen nur ein Schmarotzer am Volkskörper ist, sondern wir erreichen sie dadurch, daß jeder einzelne durch die natürliche Ordnung des Marktes an den Platz gestellt wird, wo er am meisten leistet, und auf diesem Platz dann seine Kraft für sich und für die Gesamtheit bis zur Neige ausschöpft.

Sosehr es angebracht erscheint, mit Appellen an die Moral und an das soziale Gewissen zu operieren, so deutlich möchte ich es aussprechen, daß die marktwirtschaftliche Ordnung, zu der wir zurückgekehrt sind, doch nicht auf so schwachen Füßen steht, daß sie mit der Vernachlässigung oder Nichtbeachtung dieses kategorischen Imperativs etwa zusammenbrechen müßte. Nein, ich bin vielmehr überzeugt, daß wir das Ziel einer reibungslos funktionierenden Marktwirtschaft mit der Zielsetzung eines maximalen Lebensstandards für unser ganzes Volk in jedem Fall erreichen werden, und zwar deshalb, weil diese Wirtschaft allein zur höchsten Leistung zwingt. Durch Geld-, Kredit- und steuerpolitische Maßnahmen wird von Tag zu Tag, von Woche zu Woche mehr ein Druck auf die Wirtschaft ausgeübt werden, der alles das ausschaltet, was faul und morsch ist und was nicht mehr an den Leistungsstandard der Fleißigen und Tüchtigen heranreicht. Auch von außen her – ich erinnere nur an den Export zum 30-Cents-Kurs – sind uns jetzt feste Grenzen gesetzt, die wir, ohne die Währung zu sprengen, einfach nicht übersteigen können. Wenn wir weiter danach streben, die gesamte Kaufkraft, die am Markt wirksam werden kann, mit dem gesamten Güterangebot, das die Volkswirtschaft zur Verfügung zu stellen hat, in Übereinstimmung zu halten, dann werden wir auch erkennen, daß diese letzten Wochen unter dem Kopfgeldrausch keinen Maßstab abgeben können.

Woran lagen die Störungen? Sie lagen daran, daß wir dem Konsumenten endlich die Freiheit wiedergegeben haben – in meinen Augen eine der wichtigsten aller demokratischen Freiheiten, nämlich die freie Konsumwahl neben der freien Berufswahl. Aus diesem Grunde ist, wie zu erwarten war, eine gewisse Massierung der Kaufkraft, insbesondere bei Textilien und Schuhen, entstanden, und deshalb blieb auch in diesen Bereichen noch ein Rest von Verbrauchsregelung aufrechterhalten. Obwohl ich mir der Problematik dieser Art von Verbrauchslenkung durchaus bewußt war, sollte der Nachfrage auf solche Weise doch eine Bremse angelegt werden. Die Alternative ist klar gestellt: Entweder Sie behalten die Zwangswirtschaft mit all ihren Scheußlichkeiten bei, oder aber Sie nehmen die Pressionen der Marktwirtschaft bewußt in Kauf in der Erwartung, daß die lebendigen Kräfte des Marktes den Ausgleich schaffen. Es ist heute ja nicht so, daß der Verbraucher, der kaufend zu Markte geht, nur ein ganz bestimmtes Bedürfnis abdecken will und daß er, falls der Markt dieses Gut nicht feilbietet, mit seinem Latein dann zu Ende wäre. Ein Volk, das an allem und jedem Not leidet – sei es an Wäsche, Hausrat oder was auch immer –, kann von einem Bedürfnis und von einem Bedarf auf den andern überwechseln, ohne daß das als allzu starke Störung empfunden werden wird. Und das Volk in seiner Gesamtheit hat auch so reagiert. Sicher will es in erster Linie auch Bekleidungsgegenstände oder Schuhe kaufen, aber wenn diese Waren ‚über Gebühr‘ steigen und auf der andern Seite ein Vakuum mit der Folge eintritt, daß Preise für ebenfalls begehrte Güter sinken, dann wird das immer mehr den Ausgleich beschleunigen, das heißt, die Massierungen werden sich verflachen. Daß von der Erzeugungsseite her alles geschieht, dem jetzt stärker meßbaren Bedarf entgegenzukommen, ist eine Selbstverständlichkeit und liegt in der Linie einer sinnvollen Planung, wie ich sie verstehe.

Wenn Sie mich endlich fragen, wie ich mir die weitere Entwicklung vorstelle und ob ich der Meinung oder sogar der Überzeugung bin, daß sich die einer berechtigten Kritik unterzogenen Störungen in Zukunft überwinden lassen, dann möchte ich darauf mit einem eindeutigen ‚Ja‘ antworten. Es zeigt sich heute bereits, daß der Druck auf die Unternehmungen stärker wird, und von den Banken wird berichtet, daß die Geldflüssigkeit nachzulassen beginnt. Wenn ich mir weiter vorstelle, daß wir es in absehbarer Zeit erreichen, durch erhöhte Rohstoffzufuhren den Güterfluß bis hin zum Verbraucher reibungslos in Gang zu bringen – und nach einem Abbröckeln der Weltmarktpreise auch das Spekulantentum aus der Wirtschaft mehr und mehr auszumerzen –, dann werden durch den Druck des Exportierenmüssens und der Begrenzung der Exportpreise die Unternehmer zu wirtschaftlichem Verhalten gezwungen sein. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir der Dinge Herr werden. Sie dürfen nicht vergessen, daß in den letzten acht Wochen alle kostenerhöhenden Faktoren mehr oder weniger in einem Sprung vorweggenommen wurden. Diese kostenerhöhenden Faktoren sind bekannt. Sie resultieren aus der Kostenausgleicherhöhung für Kohle, Eisen, Stahl, Energie, Gas und dergleichen mehr, und sie basieren weiter auf der gleichzeitig eingeführten Verrechnung der Außenhandelsgeschäfte zu dem 30-Cents-Kurs für die D-Mark. Sie wissen, daß damit viele industrielle Rohstoffe, und gerade die in sozialer Hinsicht entscheidenden, im Preise eine Verdreifachung erfahren haben. Und alles das ist nun über Nacht wirksam geworden in einer psychologischen Situation, in der unter dem Eindruck einer scheinbar unbegrenzten Kaufkraftfülle die Reaktionen dann nicht immer marktgerecht sein konnten. Diese Verteuerung durch die unterlassene Preisangleichung und die Verteuerung durch die Erhöhung der Importpreise bedeutet in Wahrheit gar keine echte Preissteigerung, sondern stellt den Ausgleich von entfallenen Subventionen in Höhe von vielen Milliarden Mark dar. Wer da glaubt, daß diese Milliarden vom Himmel gefallen wären und nicht auch wieder von der ganzen Masse unseres Volkes hätten getragen werden müssen, dessen Kenntnisse von der Volkswirtschaft sind so primitiv, daß mit ihm darüber zu diskutieren sich überhaupt nicht lohnt. Aber dieser Zustand kennzeichnet die Entwicklung der letzten acht Wochen.

Daß da auch gesündigt worden ist und daß allenthalben über das Ziel hinausgeschossen wurde, daß sogar groteske Mißstände zutage getreten sind, das alles – sei es aus Dummheit oder aus bösem Willen – ist nicht zu leugnen und soll auch nicht beschönigt werden. Aber es ist eine völlige Illusion, zu glauben, daß solche Erscheinungen Bestand haben könnten, daß das etwa ein Kennzeichen einer marktwirtschaftlichen Politik wäre oder daß gar die für die Marktwirtschaft verantwortlichen Männer kalten Herzens eine solche Politik herbeisehnen oder ihr den Boden bereiten wollten. Das ist so entsetzlich dumm, daß nur Gemeinheit aus dieser Wurzel Kritik erheben kann.

Diese Verteuerung bedeutet in Wahrheit gar keine echte Preissteigerung, sondern stellt den Ausgleich von entfallenen Subventionen in Höhe von vielen Milliarden Mark dar. Wer da glaubt, daß diese Milliarden vom Himmel gefallen wären und nicht auch wieder von der ganzen Masse unseres Volkes hätten getragen werden müssen, dessen Kenntnisse von der Volkswirtschaft sind so primitiv, daß mit ihm darüber zu diskutieren sich überhaupt nicht lohnt.

Und wie wird nun die weitere Entwicklung verlaufen? Die mit der Währungsreform verbundene Leistungssteigerung der menschlichen Arbeitskraft im Ausmaß von 20 bis 30% muß eine wesentliche Kostensenkung herbeiführen. Es zeigt sich schon jetzt, daß sich der Wettbewerb belebt, daß der Fabrikant darauf Bedacht nimmt, was sein Konkurrent anbietet und welche Preise er dafür fordert. Die Kaufkraft beginnt, wenn wir jetzt von dem zweiten Stoß von 20 Mark absehen, langsamer zu fließen; denn allmählich gewinnt auch der Verbraucher wieder die notwendige wirtschaftliche Vernunft zurück, die ihn mit seinen Mitteln hauszuhalten zwingt. Mit einer tendenziell steigenden Güterproduktion – denn dieses Faktum ist nicht zu leugnen – kommen wir von Tag zu Tag mehr und mehr dahin, daß die kostensenkenden Tendenzen sich immer stärker durchsetzen. Ich bleibe dabei – und die Entwicklung wird mir recht geben –, daß, wenn jetzt das Pendel der Preise unter dem einseitigen Druck kostenerhöhender Faktoren und unter dem psychologischen Druck dieses Kopfgeldrausches die Grenzen des Zulässigen und Moralischen allenthalben überschritten hat, wir doch bald in eine Phase eintreten, in der über den Wettbewerb die Preise wieder auf das richtige Maß zurückgeführt werden – und zwar auf das Maß, das ein optimales Verhältnis zwischen Löhnen und Preisen, zwischen nominalem Einkommen und Preisniveau sicherstellt.

Wenn wir etwas aus der Vergangenheit lernen können, dann dies, daß in der Planwirtschaft und in der Zwangswirtschaft der Lohnanteil am fertigen Produkt immer niedriger war als in der Marktwirtschaft, und der Lohnanteil ist stets am allergeringsten in der staatlich gelenkten Kollektivwirtschaft, wie etwa unter dem Bolschewismus. Es wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre; denn dieser überspitzte bürokratische Apparat zehrt zwangsläufig einen wesentlichen Teil des Sozialprodukts auf. Ich glaube, es wird niemand auch nur den Versuch wagen, zu behaupten, daß die volkswirtschaftliche Leistung der staatlichen Befehlswirtschaft eine höhere wäre, weil es zu offenkundig ist, daß das nicht zutrifft.

Wie war es denn in der seitherigen Wirtschaft? Sie hat nicht die geringsten Leistungsanreize geboten. Der einzelne Händler oder Erzeuger hat seine Kosten errechnet, wie sie zufällig bei ihm angefallen sind. Er hat nach dieser Richtung ja keine Anstrengungen zu machen brauchen, denn er war entweder auf Grund einer generellen Genehmigung der Behörde berechtigt, diesen Kostenpreis zu fordern, oder wenn es notwendig war, ist er zur Behörde gelaufen, hat seine Kalkulation überprüfen lassen und mit dem staatlichen Stempel gewissermaßen die Zusicherung bekommen, daß jetzt alles in Ordnung wäre und daß er richtig und tüchtig gewirtschaftet habe.

Diese Verblendung müssen wir überwinden. Das ist auch ein Faktum unserer Zeit, daß der Unternehmer vielfach noch diesem Denken verhaftet ist. Wie sind demgegenüber die Regeln der Marktwirtschaft? Dort wird nicht von unten nach oben kalkuliert, sondern hier wird unter dem Druck des Wettbewerbs von oben ein realisierbarer Preis gesetzt, und nur derjenige, der in der Lage ist, innerhalb dieses Preises seine Kosten unterzubringen, der Gnade vor den Augen der Verbraucher findet, hat seine wirtschaftliche Existenzberechtigung unter Beweis gestellt. Wer eine solche Leistung nicht aufweisen kann, muß eine andere Funktion verrichten; jedenfalls muß er aus der Sphäre dieses Kreises ausscheiden, und er hat das Recht verwirkt, weiterhin zu Lasten des Volkes die Preise der Volkswirtschaft künstlich zu erhöhen. Das war doch das Zeichen der letzten Zeit, daß jeder Leistungsanreiz fehlte, daß wir den ganzen Ballast des Faulen und Morschen mit uns herumgeschleift haben. Und dann will uns jemand weismachen, mit diesen Methoden könnten wir eine Wirtschaft errichten, die der Masse des Volkes einen höheren Lebensstandard sichert. Nein – wir müssen unter allen Umständen dafür sorgen, daß ein Maximum an Leistung und der Wegfall alles dessen erreicht wird, das das Sozialprodukt schmälern könnte.

Wenn wir etwas aus der Vergangenheit lernen können, dann dies, daß in der Planwirtschaft und in der Zwangswirtschaft der Lohnanteil am fertigen Produkt immer niedriger war als in der Marktwirtschaft, und der Lohnanteil ist stets am allergeringsten in der staatlich gelenkten Kollektivwirtschaft.

Wie soll es denn überhaupt zuwege gekommen sein, daß das deutsche Volk in den letzten acht Wochen angeblich so sehr Mangel gelitten hat? Warum soll es ihm denn schlechter gegangen sein als in der Zeit vorher? Die deutsche volkswirtschaftliche Produktion hat allein vom Monat Juni bis Juli eine Steigerung von 20 Prozent erfahren. Und diese Güter sind nicht mehr in Hortungslägern verschwunden, sind nicht mehr unter dem Ladentisch gehandelt und nicht mehr ‚kompensiert‘ worden – sie sind auf den Markt gelangt. Wir haben es erlebt, daß der Konsument, der Normalverbraucher, kurzum, jeder Einkommensbezieher an diesem Güterstrom teilgehabt hat; endlich konnte er seine Bedürfnisse einmal befriedigen. In diesem gleichen Zeitraum zu sagen, wie schlimm die Situation ist, welche Gefahren, welche Schäden diese marktwirtschaftliche Ordnung mit sich gebracht hat, das ist verantwortungsloseste Demagogie, die nicht scharf genug gebrandmarkt werden kann.

Ich wollte das nicht als Beweis, aber doch als Symptom hier in die Waagschale werfen. Ich bekomme täglich Hunderte, ja manchmal wirklich mehr als tausend Briefe an einem Tag – und die bekomme ich zum allergeringsten Teil aus Händler- und Unternehmerkreisen – in der überwiegenden Mehrzahl von kleinen Leuten, von Lohn- und Gehaltsempfängern, von ganzen Belegschaften mit Hunderten von Unterschriften, in denen sich die Schreiber dafür bedanken, daß wir sie endlich aus diesem Chaos befreit und ihnen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht haben.

Glauben Sie also nicht, daß Sie sich bei den in nächster Zeit anhebenden Auseinandersetzungen gegenüber solchen Angriffen in einer schwachen Position befinden. Wir können im Hinblick auf das Erreichte und auf das Geleistete mit gutem Gewissen jeder Auseinandersetzung entgegentreten, und wir werden diese Angriffe darum auch nicht ruhig hinnehmen. Wir sind nicht in der Verteidigung, sondern wir können im Angriff vorgehen. Wir haben unserem Volk endlich wieder etwas von der Lebensfreude und der Lebenssicherheit zurückgegeben, auf die es durch viele Jahre verzichten mußte.

Gewiß, die Dinge sind noch nicht ideal. Das soll auch nicht behauptet werden. Wir können und müssen die Leistungen noch erhöhen, und jedem einzelnen möchte ich sagen, daß er umdenken lernen muß, freiwillig oder unter Zwang. Ich sage das, indem ich gleich hinzufüge: Ich fühle mich nicht als Interessenvertreter der besitzenden Schichten, insbesondere nicht als Interessenvertreter des Handels und der Industrie – eine solche Annahme wäre völlig irrig. Verantwortlich zu sein für die Wirtschaftspolitik, heißt verantwortlich sein dem ganzen Volk, und ich bin zutiefst überzeugt, daß wir die schweren Probleme, vor denen wir stehen, nur lösen können, wenn es uns gelingt, mit der Marktwirtschaft nicht einzelne Schichten zu begünstigen, sondern der Masse unseres Volkes durch die höchste Anstrengung und durch die immer mehr gesteigerte Leistung den Lebensstandard zu sichern und zu verbessern.

Wie sind demgegenüber die Regeln der Marktwirtschaft? Dort wird nicht von unten nach oben kalkuliert, sondern hier wird unter dem Druck des Wettbewerbs von oben ein realisierbarer Preis gesetzt, und nur derjenige, der in der Lage ist, innerhalb dieses Preises seine Kosten unterzubringen, der Gnade vor den Augen der Verbraucher findet, hat seine wirtschaftliche Existenzberechtigung unter Beweis gestellt.

Es ist wieder eine der üblichen Verleumdungen, wenn ich hingestellt werde als der Mann, dem es nur darauf ankommt, ganz bestimmte Interessen zu verteidigen. Das Gegenteil ist der Fall. In letzter Konsequenz verlange ich von den verantwortlichen Unternehmen, die über den Produktions- und Verteilungsapparat der Volkswirtschaft verfügen, die größten Opfer, die höchste Einsicht. Wir dürfen ja nicht vergessen: Die Dinge spielen sich nicht allein im ökonomischen Raum ab, wo man mit einer gewissen theoretischen Gelassenheit den Dingen ihren Lauf lassen könnte in der Sicherheit, daß sie sich ordnen, konkret ausgedrückt, daß sich die Preise auspendeln.

Wir müssen vielmehr mit allen Mitteln danach streben, diese Elemente, die stabilisierend wirken, so bald als möglich zur Geltung und zu voller Wirksamkeit zu bringen. Anders ausgedrückt: Die Störungen und Spannungen, die da und dort in unserer Volkswirtschaft auftreten, obwohl die Konsolidierung bereits deutlicher wird, müssen endgültig verschwinden. Aber wir wollen dazu noch mehr tun, und aus diesem Grunde möchte ich Ihnen hier erstmalig das Programm bekanntgeben, das meine Verwaltung auf Grund sorgfältiger Überlegungen und Beratungen entwickelt hat.

Wir haben die Absicht, im engsten Zusammenwirken zwischen der Industrie, Handel und Gewerkschaften nicht durch neue Mittel der Zwangswirtschaft, sondern durch freie Vereinbarungen dafür Sorge zutragen, daß in den wesentlichen Bereichen des menschlichen Verbrauchs, also insbesondere der Bekleidung, des Schuhwerks und auch des Hausrats, bestimmte Artikel in großen Serien aufgelegt werden. Ich denke also zum Beispiel an Stapelschuhe, an Arbeitshemden, Arbeitshosen, an Straßenkleidung und bestimmte Hausratgegenstände. Wir wollen und wir werden rationelle Betriebe dafür gewinnen unter der Garantie der optimalen Ausnützung. Gedacht ist an die Fabrikation solcher Gegenstände, deren Gestaltung den einzelnen Betrieben innerhalb gewisser Qualitätsnormen freisteht. Die Programme und deren Ausgestaltung werden jedoch, wie gesagt, in gemeinsamer Auslese von Industrie, Handel und Gewerkschaften festgelegt, um damit zu erreichen, daß der Markt in steigendem Maße mit guten Gebrauchsqualitäten gespeist wird, deren Preise auch in der Endverbraucherstufe gebunden sein sollen. Ich habe von allen Seiten die Zusicherung, daß man alles tun wird, um solche Programme auf freiwilliger Grundlage im freien Kontrakt zu erfüllen. Wir werden dafür sorgen, daß diese Stapelwaren in so reichlichem Maße in die Läden und in den Verkauf fließen, daß jedermann – natürlich nicht gerade von heute auf morgen jeder ein Paar Schuhe – in der Lage ist, zu bestimmten Preisen, die auf rationeller Fertigung und auf verantwortungsbewußten Verteilungsspannen beruhen, auch tatsächlich in den Genuß dieser Waren zu kommen.

Das bedeutet keine Rückkehr zu einer zwangswirtschaftlichen Ordnung, das bedeutet keinen Verrat an marktwirtschaftlichen Prinzipien, sondern es bedeutet eine vorsorgliche Maßnahme, daß bis zu dem Zeitpunkt, da der Markt wieder seine volle Funktionsfähigkeit zurückerlangt hat, das soziale Gebot der Sicherung des Verbrauchs durch ein Minimum an Kaufkraft gewährleistet wird. Wir haben weiter die Absicht, in periodischen Abständen durch eine Preistafel, in der ganz spezifische Gegenstände aufgeführt sind, für eine Unterrichtung des Publikums zu sorgen.

Nicht zuletzt rühren die jetzigen Zustände und eben manche Mißstände daher, daß der einzelne Verbraucher, weil er durch viele Jahre völlig vom Markt ausgeschaltet war und seine Erinnerungen viel zu weit zurückreichen in eine Zeit, die keinen Standard für die jetzigen Preise bietet, über heute angemessene Preise nicht mehr orientiert sein kann. Er soll jetzt eine Unterrichtung erfahren, damit er weiß, welcher Preis berechtigterweise für eine gute Gebrauchsqualität anzulegen ist. Durch beide Maßnahmen werden wir einmal die notwendige Aufklärung des Verbrauchers erreichen, und wir werden zum andern sowohl die Erzeuger als die Händler und auch die Verbraucher stärker in eine gewisse Spanne hineinpressen, innerhalb deren die normale Bedarfsversorgung vor sich zu gehen hat. Wir werden dadurch, daß wir durch stärkere Spezialisierung auf rationellste Weise eine fortlaufende Speisung des Marktes mit typischen und ausgesprochenen Verbrauchsgegenständen guter Qualität erreichen, auch dafür sorgen, daß diese Preistafel nicht ein totes Schemen bleibt, sondern im Markt der Güter eine Realität wird.

Verantwortlich zu sein für die Wirtschaftspolitik, heißt verantwortlich sein dem ganzen Volk, und ich bin zutiefst überzeugt, daß wir die schweren Probleme, vor denen wir stehen, nur lösen können, wenn es uns gelingt, mit der Marktwirtschaft nicht einzelne Schichten zu begünstigen, sondern der Masse unseres Volkes durch die höchste Anstrengung und durch die immer mehr gesteigerte Leistung den Lebensstandard zu sichern und zu verbessern.

Es wird weiter der Plan erörtert, zwischen Industrie und Handel durch alle Stufen hindurch eine Art Ring zu schließen mit der Wirkung, daß die darin vereinten Firmen die Garantie für billigste Verbrauchsversorgung übernehmen. Außerdem prüfen die Handelskammern und möglicherweise auch die gewerblichen Vereine, inwieweit in demokratischer Selbstkontrolle durch eine Art Ehrengerichtsbarkeit die an den preispolitischen Mißständen wirklich Schuldigen an den Pranger gestellt werden können. Und endlich möchte ich noch sagen, meine Damen und Herren, daß nach gewisser Auslegung das Preiswuchergesetz nur eine billige Verbrämung des mangelnden Willens darstelle, wirklich energisch einzugreifen. Auch das möchte ich als eine Lüge kennzeichnen. Wenn das richtig ist, was gerade von der politischen Kritik behauptet wird, daß nämlich jeder Händler und Industrielle ein Verbrecher ist, der sich am Volke versündigt, dann muß es eine Kleinigkeit sein, mit diesem Gesetz wirksam vorzugehen. Es sei dahingestellt, in welchem Ausmaß solche Vorstellungen berechtigt sind, dort aber, wo solche Sünden vorliegen, bietet dieses Gesetz tatsächlich die Möglichkeit des Eingreifens. Ich möchte auch mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, daß ich die feste Absicht habe, dieses Gesetz als eine Realität mit aller Schärfe zu handhaben, und ich hoffe nur, daß die Landeswirtschaftsverwaltungen als die zuständigen Exekutivorgane mich dabei unterstützen werden.

Sosehr die Hortung zu verabscheuen ist, bedeutet diese Strukturumschichtung von der Hortung zur Kapitalanlage, insbesondere dann, wenn sie produktiver Art ist, einen positiv zu bewertenden Vorgang.

Der Freiheit, der wir durch den Übergang zur Marktwirtschaft im deutschen Leben wieder Geltung verschafft haben, muß selbstverständlich mehr und mehr auch die Freiheit nach außen entsprechen. Es zeigt sich schon jetzt ganz deutlich, daß wir mit der Marktwirtschaft endlich in die Lage versetzt werden, die Grenzen unserer Leistungskraft auch nach außen nicht nur durch Klagen, sondern endlich durch eine nüchterne, reale Rechnung unter Beweis zu stellen. Das ist das, was uns bisher gefehlt hat, was uns allenthalben mit dem Odium mangelnder Einsicht oder gar fehlenden guten Willens belastete. Jetzt aber zeigt es sich ganz deutlich, wo unsere Leistungsgrenzen liegen; denn solange es unter der Zwangswirtschaft als ein Normalzustand galt, daß der Normalverbraucher praktisch überhaupt nichts konsumiert, daß die Illusion aufkommen konnte, ein Volk könne auf lange Sicht auch ohne genügend Nahrung und gewerbliche Verbrauchsgüter bestehen, so lange schien auch der Belastungsfähigkeit keine Grenze gesetzt zu sein. Jetzt endlich kann der Normalverbraucher von seiner Kaufkraft konsumtiven Gebrauch machen, und diese Kaufkraft reicht nicht einmal aus, um der dringendsten Bedürfnisse Herr zu werden. Jetzt zeigt es sich, daß die uns im Marshallplan zugedachte Hilfe bei allem Dank, den wir dafür schulden, kaum hinreicht, um einem Volk, das wieder auf geordneter Grundlage arbeitet, die Existenzmöglichkeit zu sichern.

Wenn wir im Zeichen der Marktwirtschaft in der Lage wären, genügend Rohstoffe nachzuschieben, um die spekulativen Faktoren aus der Wirtschaft auszuschalten, wenn es sich erweist, daß der Fabrikant nicht mit der Ware zurückhalten muß, weil er Rohstoffschwierigkeiten befürchtet, dann würde schon viel gewonnen sein, und die aufgetretenen Störungen ließen sich allein aus dieser Wurzel heraus überwinden. Es ist darum meine Absicht, gerade in der nächsten Zeit meine ganze Kraft dafür einzusetzen, um auf alliierter Seite das Verständnis dafür zu wecken, daß wir Rohstoffe und noch einmal Rohstoffe brauchen, um die in Gang und Schwung gekommene Industrie weiter zu beschäftigen, damit sie so viele Verbrauchsgüter ausspeit, daß das Volk nach langen Jahren der Not das Gefühl haben kann, es sei endlich die Zeit angebrochen, in der ehrliche Arbeit auch wieder ehrlichen Lohn findet.

Die Aussichten sind nicht einmal schlecht. Wenn es gelingt, die alliierten Militärregierungen davon zu überzeugen, daß das bisherige Verfahren der Verfügung über die Marshallplangelder eine Unmöglichkeit darstellt für eine Wirtschaft, die jeden Puffers beraubt ist und darum von der Hand in den Mund lebt – wenn wir freizügiger über unsere Exporterlöse verfügen können und nicht bei allen Importkontrakten sofort belastet werden, während beim Export die Gutschrift erst nach Geldeingang erfolgt, dann erhalten wir noch in diesem Jahre einschließlich der bereits abgeschlossenen und der noch zu tätigenden Kontrakte immerhin eine Verfügung über rund 400 Millionen Dollar, das sind 1 1/3 Milliarde D-Mark. Damit läßt sich der Industrie die Anweisung geben: Ihr könnt arbeiten, soviel ihr wollt, ihr könnt alle Maschinen laufen lassen, der Rohstoff wird nachfließen, und dann werden Sie sehen, welche günstigen Wirkungen das auf die Preise ausübt.

Gemessen an dem, was die Währungs- und Wirtschaftsreform bereits Gutes gebracht hat, was sie uns an Sicherheit für die Zukunft bietet und was sie an Positivem erwarten läßt, ist das, was sie an Störungen mit sich gebracht hat, so minimal, daß eine ehrliche Kritik davor verstummen müßte. Wenn Sie sich der Stärke Ihrer Position bewußt und bereit sind, für diese Politik einzutreten, dann seien Sie sich aber Ihrer Verantwortung bewußt! Was sich heute und in der Folgezeit abspielt, ist nicht etwas, was nebensächlich das äußere Kennzeichen eines kurzlebigen Geschehens darstellt. In diesen Wochen seit der Währungsreform bis dahin, da wir auch staatsrechtlich wieder eine stärkere Fundierung finden, entscheidet sich zuletzt das Schicksal des deutschen Volkes. Wenn wir die Nerven verlieren und dieser gehässigen demagogischen Kritik nachgeben – dann sinken wir zurück in den Zustand der Sklaverei. Ich kann diesen Zustand nicht anders nennen, denn dann verliert der Mensch die Freiheit aufs neue, die wir ihm jetzt glücklich zurückgegeben haben. Dann verlieren wir wieder die freie Konsumwahl, die freie Berufswahl und alle Errungenschaften einer wahrhaft demokratischen Ordnung. Dann kommen wir wieder zurück, in die Planwirtschaft, die stufenweise, aber sicher zur Zwangswirtschaft, zur Behördenwirtschaft bis hin zum Totalitarismus führt.

Gemessen an dem, was die Währungs- und Wirtschaftsreform bereits Gutes gebracht hat, was sie uns an Sicherheit für die Zukunft bietet und was sie an Positivem erwarten läßt, ist das, was sie an Störungen mit sich gebracht hat, so minimal, daß eine ehrliche Kritik davor verstummen müßte.

Ich sagte, wir sind jetzt endlich in der Lage, die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit sowohl dem deutschen Volke gegenüber als auch nach außen unter Beweis zu stellen. Wenn Sie unter Berücksichtigung der bereits bestehenden Steuern bedenken, welche Lasten wir durch den Lastenausgleich noch zu tragen und wie viele Schäden und Wunden wir noch zu heilen haben, dann ist leicht zu erkennen, daß für eine Kapitalbildung darüber hinaus aus eigener Kraft nur wenig Raum bleibt und daß wir allen Grund haben, allen denen in der Welt zu danken, die bereit sind, uns durch ihre Hilfe aus der Verstrickung zu lösen. Wäre es tatsächlich so, daß wir allein stünden, dann bedeutete der deutsche Wiederaufbau ein so dornenvolles Beginnen, daß wir verzweifeln müßten, das Ziel jemals zu erreichen. Ich glaube, wir müßten dann damit rechnen, aus dem Verband der zivilisierten Völker auszuscheren, und uns bliebe dann nichts anderes übrig, als eben in der Primitivität unser Genüge zu finden. Mit den Forderungen oder besser gesagt mit den Wünschen, die wir an die Besatzungsmächte und darüber hinaus an die ganze Welt zu richten haben, verbindet sich selbstverständlich die Verpflichtung der Dankbarkeit und der Anerkennung einer Hilfeleistung, die es uns doch ermöglicht, in wesentlich rascherem Tempo, mit größerer Zielsicherheit und mit berechtigter Hoffnung auch wieder an unsere deutsche Zukunft zu glauben. Daß sich dabei noch manches wandeln wird, daß dann auch die Besatzungskosten und die Demontagen in einem ganz neuen Lichte erscheinen werden, kann angenommen werden, ohne daß dieses Thema hier weiter diskutiert zu werden braucht. Aber wenn Deutschland nicht nur für sich selbst zu einer Gesundung kommen soll, sondern wenn es darüber hinaus teilhaben darf an dem europäischen Wiederaufbau, dann kann sich seine Leistung nicht im Export von Kohle, Holz und Schrott erschöpfen; dann müssen wir auf Grund der spezifisch deutschen Begabung auch der Welt die Güter darbieten dürfen – und sie muß bereit sein, jene Güter aufzunehmen –, die Deutschlands Stellung in der internationalen Arbeitsteilung im Kreise der Völker begründet haben. Jedes Mittel, das geeignet erscheint, uns zu zwingen, den deutschen Wirtschaftsapparat von Spekulationen frei zu machen, ist uns recht. Aber wenn wir unsere deutsche Arbeit friedlichen Zwecken zur Mehrung der sozialen Wohlfahrt widmen können und einen Beitrag zum europäischen Wiederaufbau und zur Befriedigung Europas leisten wollen, so hoffen wir damit in eine neue Phase der internationalen Zusammenarbeit einzutreten.

Der Optimismus, der aus meinen Worten vielleicht sehr deutlich zu Ihnen gesprochen hat, gründet sich darauf, daß ein Volk, das keinen anderen Willen hat, als mit ehrlichem Herzen, aber dann auch mit freier Stirn, seine Lebensrechte zu verteidigen, erkennt, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann durch ehrliche Leistung, durch die harte Arbeit aller einzelnen, im treuen Zusammenstehen eines Volkes, das weiß, daß es um seine Existenz geht und daß wir heute nur ein Ziel haben dürfen – alle zusammen über alle Parteien hinweg –, unser Volk gesunden zu lassen und ihm die Lebensgrundlage für die Zukunft, für uns und für unsere Kinder, sicherzustellen.

Ich glaube, dann ist Optimismus berechtigt. Es wäre frevelhaft, wenn ich damit die Hoffnung erwecken wollte, als ob wir schon mit einem Sprunge daran wären, alle Not zu überwinden. Das vermag keine Wirtschaft, sie mag konstruiert und geordnet sein, wie sie wolle, ob Marktwirtschaft oder irgendeine Form der Planwirtschaft. Gott sei Dank, muß ich sagen, kann an diesen materiellen Gegebenheiten niemand vorbeigehen, und wehe dem Volk, das sich durch Demagogen verblenden läßt, um die Wahrheit nicht erkennen zu wollen und nicht erkennen zu dürfen.

Wir haben so gesehen zweifellos einen harten und dornenvollen Weg vor uns. Aber wen die Arbeit nicht schreckt, auch dann nicht, wenn sie noch nicht die gleichen Früchte bringen kann, wie wir das von früher gewohnt sind oder wie vielleicht der einzelne neiderfüllt empfinden mag, wenn er auf benachbarte Völker blickt – wer sich frei davon weiß, wer gegen sich selbst ehrlich und sich auch dessen bewußt ist, daß wir die Sünden der Vergangenheit an uns selbst wiedergutzumachen haben durch unser eigenes Opfer und unseren Fleiß, den kann dieser Weg, diese Not nicht schrecken. So gesehen ist also der Optimismus wohl berechtigt.

Mein Referat soll nicht den Eindruck erwecken, als ob ich aus dem Sektor der Wirtschaft heraus das Allheilmittel für alle unsere politischen und sozialen Nöte finden möchte. Ich bin weit davon entfernt. Lassen Sie mich einen Vergleich anführen: So wie der einzelne Mensch seines physischen Lebens bedarf, um überhaupt im göttlichen Sinne Mensch zu sein, um seinen Geist und seine Seele entfalten zu können, so ist es auch im Leben eines Volkes. Die Wirtschaft ist, wenn Sie so wollen, vielleicht das Primitivste, aber sie ist das Unentbehrliche; und erst auf dem Boden einer gesunden Wirtschaft kann auch die Gesellschaft ihre eigentlichen und letzten Ziele erfüllen. Diese Grundlage muß also gesund sein, wenn nicht schon von dort aus die Verzerrung und die Zerreißung eines Volkes stattfinden soll. Der Wirtschaft die geistige, die seelische und materielle Ausrichtung zu geben, das ist zuletzt Sache der Politik, Sache der Gesellschaft. Politik ist so gesehen der Ausdruck des Willens der Gesamtheit des Volkes.

Wohin der Weg auf dieser Ebene gehen wird – wer vermag es mit aller Sicherheit zu sagen? Sicher ist das: Der Termitenstaat mit bienenhaft emsigen Massenwesen ist nicht die uns gemäße Form eines organisch gegliederten gesellschaftswirtschaftlichen Lebens. Wir brauchen die verpflichtende Hingabe des einzelnen an das Staatsganze. Wenn wir den Weg und das Ziel erkennen, dann mag uns auch die Gnade zuteil werden, das Werk zu vollbringen.“

Hier geht es zum PDF-Download der Düsseldorfer Leitsätze der CDU vom 15. Juli 1949 auf der Internetpräsenz der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 
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