Standpunkt
 
15. Apr 2015
VON: JÜRGEN JESKE

„Freiheit! Ein schönes Wort, wer`s recht verstände“

Jürgen Jeske, langjähriges Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung, hat 1994 den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik erhalten. Anlässlich seines 80. Geburtstags am heutigen Tage veröffentlichen wir die Rede, die er bei der Preisverleihung am 5. September 1994 im Hotel Königshof in Bonn gehalten hat.

Der Ludwig-Erhard-Preis, mit dem Sie mich auszeichnen, gilt einem Lebenswerk. (…) Ich frage mich aber zugleich, ob mit dem Lebenswerk nicht letztlich auch der Lebensweg gemeint ist. Wenn ich zurückblicke, empfinde ich das so. Vor vierzig Jahren reifte bei mir ein Entschluss, den ich ein Jahr später in die Tat umsetzte. Ich verließ nach Abitur und Schneiderlehre allein die DDR. Es war nicht die dramatische Flucht eines politisch Verfolgten, es war die Entscheidung, frei sein zu wollen von politischer und persönlicher Gängelung. Es war eine Entscheidung für das, was Ludwig Erhard die traditionellen menschlichen Grundfreiheiten genannt hat: die Freiheit der Berufswahl, die Freiheit des Arbeitsplatzes, die Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung und nicht zuletzt auch die Konsumfreiheit. Einen solchen Entschluss haben Hunderttausende vor mir und Hunderttausende nach mir gefasst. Für alle war es eine Abstimmung mit den Füßen. Diese Abstimmung hat, wie wir wissen, 1961 zur Errichtung der Mauer geführt, aber dann 1989 mit dazu beigetragen, eben diese Mauer wieder zu beseitigen.

In dieser persönlichen Erfahrung liegt ein wesentlicher Teil der Antwort auf die Frage, warum ich so viel freien Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig erstrebe. Mit der liberalen Gedankenwelt selbst bin ich dagegen erst 1955 in Heidelberg durch Erich Preiser in Berührung gekommen. Er bewog mich dazu, Nationalökonomie zu studieren. Preiser war wie Erhard ein Schüler Franz Oppenheimers. Preiser war im engeren Sinn kein Ordo- oder Neoliberaler, aber dennoch ein entschiedener Verfechter des Wettbewerbsprinzips und der Sozialen Marktwirtschaft. Freilich betonte er das Adjektiv „sozial“ stärker und hielt hinsichtlich Einkommensverteilung und Beschäftigung Staatseingriffe für nötig. Das erste Buch, das Preiser mir empfahl, waren Euckens „Grundlagen der Nationalökonomie“, ein Buch, das nach seinen Worten wie kein anderes dem Anfänger den Weg durch die Wirrnis der sozialen Welt zeigt. Die Lektüre dieses Klassikers kann man auch heute immer wieder empfehlen.

Was Ökonomie ist, davon hatte ich am Ende meines Studiums eine Vorstellung. Was man damit macht, blieb mir unklar, bis ich den Weg in den Wirtschaftsjournalismus gefunden hatte. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lernte ich unter Erich Welter und Jürgen Eick, was liberale Wirtschaftspublizistik bedeutet, was sie bewirken kann, welche entscheidende Rolle ihr in der politischen Bildung und in der wirtschaftspolitischen Meinungsbildung zukommt.

Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit

Vor diesem Hintergrund habe ich meinen Ausführungen den Satz aus Goethes Egmont vorangestellt: „Freiheit! Ein schönes Wort, wer`s recht verstände.“ In der Tat muss man heute nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems fragen, ob der Wert der Freiheit, die Bedeutung einer freiheitlichen Ordnung, wirklich noch verstanden und geschätzt wird. Umfrageergebnisse sind ernüchternd. Man hält nach wie vor den Sozialismus für eine nur schlecht ausgeführte gute Idee und sehnt sich nach der Schimäre eines dritten Weges zwischen Marktwirtschaft und Sozialismus. Aber auch in Westdeutschland ist zu fragen, ob der Wert höherer Freiheitsgrade für das Überleben einer offenen Gesellschaft erkannt wird. Die Angst vor den Veränderungen durch Wettbewerb scheint größer als die Sorge, ohne diese notwendigen Veränderungen zurückzufallen. Entsprechend stark sind die Kräfte der Beharrung, die sich dem Aufbrechen alter Strukturen, dem Infragestellen des Erreichten, dem Risiko von Versuch und Irrtum entgegenstemmen. Und auch die neuerlich aufkommende Sinnsuche, das Liebäugeln mit Erscheinungen wie dem Kommunitarismus, legen sogar den Verdacht nahe, dass hier Schleichwege aus der Marktwirtschaft gesucht werden.

Der Satz aus Goethes Trauerspiel stammt ja auch nicht aus dem Mund des Freiheitshelden Graf Egmont, vielmehr sagt ihn der Herzog von Alba als Abgesandter des spanischen Königs. Alba hält nämlich nichts vom Freiheitswunsch der Bürger. „Nein! Nein! Sie glauben sich nicht frei, wenn sie sich nicht selbst und anderen schaden können“, sagt er. Alba ist überzeugt davon, dass das Volk den fürsorglichen Staat braucht, wenn er zu Egmont sagt: „Weit besser ist`s, sie einzuengen, dass man sie wie Kinder halten, wie Kinder zu ihrem Besten leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht klug; ein Volk bleibt immer kindisch.“ Das ist der heutige Betreuungsstaat in seiner alten feudalen Gestalt. Und Egmont antwortet Alba mit einem Satz, der auf dichterische Weise Grundgedanken von Demokratie, marktwirtschaftlicher Ordnung und Wettbewerb beschreibt. Er sagt: „Wie selten kommt ein König zu Verstand! Und sollten sich viele nicht lieber vielen vertrauen als einem?“ Der Dialog zwischen Alba und Egmont über die Freiheit führt mitten hinein in die alte Debatte über Liberalismus und Sozialismus, darüber, was mit Freiheit eigentlich gemeint ist; denn diesen vieldeutigen und oft missbrauchten Begriff reklamieren ja beide Lager für sich. Als die Welt noch geteilt war in freiheitlich verfasste Demokratien und kommunistische Diktaturen, lag die Antwort auf der Hand – jenseits aller Theorie. Allein die Praxis in den kommunistischen Staaten zeigte Tat für Tag, dass persönliche Freiheit spätestens an den Todesstreifen der Grenzen endete, dass die Freiheit der Berufswahl dem politischen Wohlverhalten untergeordnet blieb und dass es natürlich auch keine Freiheit des Wirtschaftens im Wettbewerb der vielen gab, sondern eine zentrale Kommandowirtschaft. Die Praxis bewies auch die größere Effizienz der Marktwirtschaften des Westens.

Was aber bedeutet Freiheit heute? Nicht nur in Ostdeutschland und in den Reformstaaten, auch im Westen stellt eine wachsende Angst vor der Zukunft in einer dramatisch veränderten Welt den Wert von Freiheit infrage. Auch dieses Problem ist natürlich nicht neu. Hayek wies schon 1944 in seinem weitsichtigen Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ auf das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit hin: „Gleich der trügerischen wirtschaftlichen Freiheit, aber mit mehr Berechtigung, ist auch die wirtschaftliche Sicherheit als eine unerlässliche Voraussetzung für die wirkliche Freiheit hingestellt worden. Der Gedanke wirtschaftlicher Sicherheit ist jedoch ebenso unbestimmt und zweideutig wie die meisten Begriffe auf diesem Gebiet, und deshalb kann die allgemeine Zustimmung, die die Forderung nach Sicherheit findet, zu einer Gefahr für die Freiheit werden. Weit davon entfernt, die Chancen für die Freiheit zu erhöhen, erwächst aus dem allgemeinen Streben nach Sicherheit, wenn dies zu absolut aufgefasst wird, in der Tat die ernsteste Bedrohung für die Freiheit.“ Was Hayek damals voraussah und was auch Erhard immer wieder fürchtete, ist inzwischen längst eingetreten. Der Drang nach Sicherheit unterminiert das Freiheitsgefühl. Die Macht der Gruppeninteressen, die Eigendynamik der sozialen Sicherungssysteme, der Wunsch nach Vergesellschaftung von Risiken hat das Gefühl für Eigenverantwortung ausgehöhlt, den Willen zur Selbständigkeit beeinträchtigt und selbst die Risikofreudigkeit in den Unternehmen partiell geschwächt. „Freiheit! Ein schönes Wort, wer`s recht verstände.“

Zur Rolle der Wirtschaftspublizistik

Hinzu kommt etwas anderes. Wie tief ist überhaupt der Gedanke der Freiheit und des Wettbewerbs in Deutschland verwurzelt? Röpke hat die interessante Behauptung aufgestellt, dass die Marktwirtschaft in Deutschland mitsamt dem Respekt vor dem Geldwert, anders als in der Schweiz, nicht in der Überlieferung des Landes ruhe, sondern aufgrund verheerender Erfahrungen bewusst als eine an die Vernunft appellierende Ordnung nach dem Krieg eingeführt worden sei. Das heißt, die Menschen im Nachkriegsdeutschland mussten, soweit sie nicht selbst den Drang zur Freiheit verspürten, von den Vorteilen einer freien Marktwirtschaft überzeugt werden. Ein Vorgang, der sich im Prozess der Vereinigung wiederholt. Röpke hat natürlich die schon damals regulierten und abgeschirmten Zustände der Schweiz zweifellos verklärt gesehen und wäre heute angesichts des ordnungspolitischen Verfalls auch in der Schweiz wohl entsetzt. Doch mit seiner Diagnose des deutschen Zustands hat er recht gehabt. Die Marktwirtschaft als eine an die Vernunft appellierende Ordnung hat sich in weiten Teilen Deutschlands nicht von selbst herausgebildet, sondern ist zweimal durch politische Entscheidung eingeführt worden. Das wirkt bis heute nach und macht Ordnungspolitik zu einer Daueraufgabe.

Das Vertrauen in eine Ordnung der verantworteten Freiheit im Erhardschen Sinn stellt sich nicht von allein ein. Es ist daher notwendig, die schlechten Erfahrungen mit Unfreiheit und Kollektivismus wachzuhalten und die Menschen immer wieder von den Vorteilen freiheitlicher und marktwirtschaftlicher Politik zu überzeugen, dem Vordringen staatlicher Tätigkeit Einhalt zu gebieten und die Politiker anzuhalten, den marktwirtschaftlichen Grundsätzen treu zu bleiben. Erhards Weggefährte Franz Böhm hat freiheitliche Ordnungspolitik zu Recht eine große kulturelle Leistung genannt. Dabei kommt auch der Wirtschaftspublizistik eine wichtige Rolle zu, und zwar ebenfalls im Sinn von Freiheit und Wettbewerb. Die von den Vätern des demokratischen Verfassungsstaats geschaffene Pressefreiheit ist ja nicht nur ein subjektives Freiheitsrecht des Journalisten, es ist von Anfang an zugleich als demokratisches Bürgerrecht gedacht gewesen. Die Vielfalt der politischen Meinungen, der gesellschaftlichen Entwürfe, der unternehmerischen Einfälle soll dabei über die Vielzahl der Journalisten und der Medien ihren Weg auf den Markt der öffentlichen Meinung finden, um dort miteinander in Wettbewerb zu treten. Nur in dieser Konstellation ergibt sich die freiheitliche Rolle des Journalisten, nur hier wird er selbst, werden die Medien gezwungen, sich im Wettbewerb des Marktes zu behaupten. Daher muss besonders auf dem Markt der Medien freier Wettbewerb herrschen, wenn nicht Meinungsvielfalt und Ideenwettbewerb Schaden nehmen sollen. Daraus folgt aber auch, dass Journalisten eigentlich die geborenen Verfechter einer freiheitlichen, auf dem Wettbewerbsprinzip basierenden Wirtschaftsordnung sein sollten, was sie leider nicht immer sind.

Wer als Journalist für eine marktwirtschaftliche Ordnung wirbt, muss in erster Linie der Gedankenlosigkeit der Menschen, vor allem aber ihrer Vergesslichkeit entgegentreten. Zum zweiten muss der schillernde Begriff der Freiheit immer wieder erklärt werden. Und drittens sind Funktion und Bedeutung der Wirtschaft zu erläutern, weil nämlich selbst nach vier Jahrzehnten Marktwirtschaft in Deutschland die elementaren Kenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge in breiten Schichten noch immer beklagenswert gering sind. Unkenntnis führt schnell zu antimarktwirtschaftlichen Auffassungen oder schlägt sogar, wie wir es erleben, in Wirtschaftsfeindlichkeit um.

Ordnungspolitik bleibt eine Daueraufgabe

Eine konsequente Linie in der Wirtschaftspolitik trägt einer Zeitung häufig den Vorwurf dogmatischer Strenge ein. Doch muss man nicht den Politikern immer wieder vor Augen führen, was sie im Alltag meist aus den Augen verlieren: die Maßstäbe, die der historisch gewachsene Ordnungsrahmen setzt? Ein oft zu hörender Einwand lautet, diese oder jene Forderung sei politisch nicht durchsetzbar. Ein gängiges Argument ist, Politik müsse mehrheitsfähig sein, oder wie der Bundeskanzler einmal gesagt hat: Mit dem Ludwig-Erhard-Preis könne man keine Wahlen gewinnen. Natürlich muss Politik mehrheitsfähig sein. Aber Mehrheiten allein können leider nicht erkennen, welche Politik die ökonomisch richtigere oder vernünftigere ist, wo die Gefährdung einer Gesamtordnung beginnt, wann die Quantität schlechter Tagespolitik in eine die Gesamtordnung schwächende Qualität umschlägt. In diesem Spannungsverhältnis zwischen dem Richtigen und dem Mehrheitsfähigen liegt nicht nur ein Dilemma der Tagespolitik, darin liegt auch ein Problem in Bezug auf eine dem liberalen Gesellschaftsentwurf entsprechende Weiterentwicklung des Ordnungsrahmens. (…)

Wer sich so um eine evolutorische Ordnung bemüht, findet sich freilich selbst in jenem Wettbewerbsprozess wieder, den Hayek als Entdeckungsverfahren beschrieben hat. Die Erfahrungen der Vergangenheit helfen nicht weiter in einer Welt, die sich schnell wandelt. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Wiedervereinigung. Die ordnungspolitischen Ziele des Übergangs waren klar, ebenso klar wie 1948 bei Erhards Wirtschaftsreform: Freiheit, Privateigentum, Wettbewerb, Geldwertstabilität, um nur einige zu nennen. Insofern hat es keinen Unterschied zu damals gegeben. Der wichtige Unterschied bestand aber darin, dass die konkrete wirtschaftliche Situation in der DDR nach vierzig Jahren Kommandowirtschaft und Abkapselung vom Weltmarkt gänzlich anders war als 1948. Insofern sind die damaligen Erfahrungen mit der Umsetzung der ordnungspolitischen Ziele nicht übertragbar gewesen. Man musste sich 1990 fragen und muss dies noch heute bei den Reformstaaten Osteuropas tun: Nach welchem Zeitplan sollen die ordnungspolitischen Ziele verwirklicht werden? Muss es Prioritäten geben? (…)

Daher bleibt Ordnungspolitik auch nach vier Jahrzehnten heftiger wirtschaftspolitischer Auseinandersetzung eine große Aufgabe. Sie ist es wahrscheinlich mehr denn je, weil eben die Wertschätzung von Freiheit deutlich abnimmt, weil die marktwirtschaftliche Ordnung nun an sich selbst gemessen wird, weil das Wirtschaftsleben in zunehmendem Maße von Institutionen in Europa geprägt wird und weil in einer Zeit tief greifenden Wandels das Sicherheitsstreben wächst. (…) Für eine junge Generation mag in der Welt von heute der Ruf nach Ordnungspolitik wie ein Schlachtruf von gestern klingen. Das ist verständlich. Erhards kühne Entscheidung von 1948 ist für Junge verblassende Vergangenheit. Der ungeheure parlamentarische Schlachtenlärm jener Jahre, in denen Erhards Ordnung in akuter Gefahr schwebte, ist leider verhallt. Und kaum jemand weiß noch, dass der so viel Harmonie ausstrahlende Dicke mit der Zigarre sehr entschlossen kämpfen konnte – gegen eine starke Opposition, gegen Zweifler und Gegner auch in den eigenen Reihen, gegen eine mächtige Wirtschaftslobby und gegen einflussreiche, an Keynes orientierte alliierte Berater. Und wer weiß eigentlich noch, wie wichtig in dieser Zeit „publizistischer Feuerschutz“ war, wie es Hans-Peter Schwarz in seiner Geschichte der Bundesrepublik ausdrückt, in einer Presselandschaft, die nach dem Krieg stark von sozialdemokratischen oder kommunistischen Lizenzträgern geprägt war?

Von Hayek stammt das Bekenntnis: „Der leitende Grundsatz, dass eine Politik der Freiheit für den Einzelmenschen die einzig echte Politik des Fortschritts ist, bleibt so wahr, wie er es im 19. Jahrhundert gewesen ist.“ Das gilt unverändert. Ordnungspolitik bleibt eine Daueraufgabe. In diesem Sinn empfinde ich den Ludwig-Erhard-Preis nicht nur als große Ehre und als Auszeichnung für getane Arbeit, für die ich danke, sondern mehr noch als Ansporn für künftiges Tun.

 
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