Standpunkt
Erhard für alle
19. Jun 2018
VON: ANDREAS SCHIRMER

Erhard für alle

Mit Jahrestagen ist das so eine Sache. Zu Ehren der Protagonisten aus vergangener Zeit werden Festveranstaltungen durchgeführt und zahlreiche Beiträge in gedruckter Form veröffentlicht. Denn einerseits bietet das Erinnern an richtungsweisendes Handeln die Gelegenheit, das Geschehene zu bilanzieren: Was und warum wurde so entschieden? Welche langfristigen Folgen hatte das Beschlossene? Lässt sich das damals in die Wege Geleitete für Gegenwart und Zukunft nutzen?

Andererseits drohen solche Erinnerungstage häufig im Ungefähren zu landen: Die Beschlüsse von anno dazumal werden pauschal in höchsten Tönen gelobt. Die vor Jahrzehnten Beteiligten erhalten mindestens hübsche Wortgirlanden, ein neues Portraitfoto in der Ahnengalerie eines Ministeriums oder ihr Name ziert künftig Konferenzsäle. Das mutet dann schon beinahe alchemistisch an: In der Hoffnung, dass vom Glanz vergangener Tage etwas auf das Künftige abfärben möge, beschwört man den „guten Geist“ – und alles wird gut.

„Mitte 1948 winkte dann die große Chance: Sie lag darin begründet, die Währungsreform mit einer ebenso entschiedenen Wirtschaftsreform zu verkoppeln, um der durch das unsinnige Überfordern der Menschen völlig wirklichkeitsfremden administrativen Wirtschaftslenkung – von der Produktion bis hin zum letzten Verbraucher – das verdiente unrühmliche Ende zu bereiten. Heute ist nur noch wenigen bewusst, welches Maß an Mut und Verantwortungsfreudigkeit dazu gehörte, diesen Schritt zu vollziehen.“ Ludwig Erhard 1957

Weil das „Einerseits“ allerdings eher trocken, mühselig und wenig spektakulär anmutet, überwiegt üblicherweise das „Andererseits“. Das lässt sich dieser Tage vielfach auch an den Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum 70. Jahrestag der Währungs- und Wirtschaftsreform vom 20./21. Juni 1948 ablesen: Alle sind irgendwie auf Erhards Linie, denken wie er, handeln wie er und sehen sich als die „echten“ Erben.

Nüchtern betrachtet zeigt sich jedoch, dass die jeweiligen Bekenntnisse vor allem dazu dienen, bestimmte, aus parteipolitischen oder interessengeleiteten Gründen geplante oder bereits durchgeführte Eingriffe zu rechtfertigen und im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft zu interpretieren. Mindestlohn? Soziale Marktwirtschaft. Steuererhöhungen für „Reiche“? Soziale Marktwirtschaft. Förderung der E-Mobilität? Soziale Marktwirtschaft. Die Liste ließe sich problemlos beliebig verlängern.

Keine Frage, Politik ist nur erfolgreich, wenn sie sach- und zeitgerecht betrieben wird. Aktuelle Probleme müssen mit zeitgemäßen Maßnahmen gelöst werden. Das heißt in Bezug auf Ludwig Erhard: Es ist abwegig, Maßnahmen wiederholen zu wollen, weil sie früher einmal erfolgreich waren. Aber die Grundsätze, die Prinzipien einer an Freiheit orientierten Politik sind zeitlos.

„Das heißt, dass die Währungsreform ohne die Auflösung der wirtschaftlichen Erstarrung ebenso wenig hätte gelingen können, wie es andererseits unmöglich gewesen wäre, eine freiheitliche, ökonomische Ordnung auf der schwankenden Grundlage einer zerrütteten Währung zu begründen. Vom Standpunkt einer konsequenten Wirtschaftspolitik entsprachen die Maßnahmen einer fast zwangsläufig anmutenden Eigengesetzlichkeit.“ Ludwig Erhard 1958

Aus diesem Blickwinkel sah Erhard auch die Soziale Marktwirtschaft als offenes System. Erfolgversprechende Politik muss ihr Handeln den jeweiligen Umständen anpassen. Gleichzeitig muss dieses Handeln aber an den als richtig und zielführend erkannten Prinzipien festhalten. Staatliche Regulierungen für nahezu alle Lebensbereiche und Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen lassen sich daher nicht mit Ludwig Erhard rechtfertigen. Oder, wie dieser Tage von Andreas Freytag auf dem Ökonomenblog zu lesen war: „Allerdings ist nicht die Soziale Marktwirtschaft selbst in einer Krise, sondern ihre faktische Abwesenheit das Problem; sie scheint eher in Vergessenheit geraten zu sein.“

In einem Rundfunkbeitrag des Bayerischen Rundfunks, in dem Ludwig Erhard mit 20 Jahren Abstand auf die von ihm verantwortete Reform von 1948 blickt, klingt das drohende Vergessen an. Der Beitrag ist im Archiv der Ludwig-Erhard-Stiftung unter der Signatur NE 1680 zu finden und lässt sich hier als PDF herunterladen.

 
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