Kommentar
Lust auf Zukunft
06. Aug 2021
VON: ROLAND KOCH

Lust auf Zukunft

Ein führender deutscher Journalist hat nach meiner Erinnerung einmal gesagt, dass es die Aufgabe der Journalisten sei, besonders auf die negativen Seiten einer Sache zu leuchten. Auch in meinen wöchentlichen Kommentaren zu den aktuellen Herausforderungen der Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards steht immer wieder Kritik im Mittelpunkt.

Derzeit beschäftigen sich viele von uns mit Urlaubsplänen, oder sie sind bereits im Urlaub. Deshalb ist es eine gute Zeit, auch darüber zu sprechen, dass all diese Debatten zur Marktwirtschaft sich immer um die Frage drehen, wie wir unsere Chancen nutzen. Und diese Chancen haben wir.

Beim Auto zum Beispiel: Mit mehr als 800 000 direkten Arbeitsplätzen ist die Automobilindustrie einer der wichtigsten Faktoren des Wohlstandes und dank der von der Politik erzwungenen Konzentration auf elektrische Antriebe in keiner einfachen Lage. Da gibt es jetzt eine gute Nachricht: Bundestag und Bundesrat haben das „Gesetz zum autonomen Fahren“ verabschiedet. Deutschland ist weltweit das erste Land, das nicht nur Testfahrten, sondern auch den Regelbetrieb grundsätzlich zulässt. Das ist das Ende eines langen Weges. Das Gesetz erfüllt nicht alle Wünsche, aber es ist da.

In diesen Tagen schließen sich Unternehmen, die Künstliche Intelligenz nutzbar machen wollen, zu dem Projekt OpenGPT-X zusammen. Diese Kooperation wird Teil der von der Bundesregierung geförderten Gaia-X-Initiative. Das Ziel: die Entwicklung eines allgemein verfügbaren Sprachmodells für das Deutsche, um nicht auf Englisch und Chinesisch reduziert zu werden. Robuste Frage-Antwort-Systeme sind eine der Voraussetzungen für das Auto der Zukunft. Das Rückgrat dieser Entwicklung nennt sich „JUWELS“ (Jülich Wizard for European Leadership Science), ist einer der zehn leistungsfähigsten klassischen Rechner der Welt und steht in Jülich.

Dass die Rettung vor einem desaströsen Virus, der das wahrscheinlich bisher größte globale Zerstörungspotenzial besitzt, aus Mainz kommt und die Nutzung der mRNA-Technologie von hier aus den Durchbruch zur Medizin von morgen bringen könnte, hätte wahrscheinlich vor Kurzem noch niemand für möglich gehalten.

Die drei Beispiele sollen die Lage in Deutschland nicht schönreden. Ja, bei der Digitalisierung geht vieles zu langsam, beim Klimaschutz fehlt Pragmatismus, unsere Steuern sind international zu hoch, mit der Infrastruktur hapert es, und die sozialen Spannungen machen Sorgen. Und dennoch ist dies ein erfolgreiches Land mit großen Potenzialen für die Produkte und Dienstleistungen der Zukunft und einem soliden Netz der Solidarität.

Eltern, die in diesem Land Kinder groß werden sehen, haben gute Gründe für die Annahme, dass es diesen später gut gehen wird. Unsere Freiheit ist aktuell nicht in Gefahr; die letzten beiden Generationen haben ein wohlhabendes Land mit einer der besten Infrastrukturen der Welt geschaffen. Die Aufgabe, wie dieser Planet und 10 Milliarden Menschen miteinander fertig werden, ist nicht bewältigt. Aber viele der Lösungen liegen vor uns: sparsamer Umgang mit Rohstoffen, Nutzung der Kreisläufe, Nutzung der Milliarden an Daten, die wir täglich produzieren und unsere errungene Fähigkeit, weltweit zu reisen und zu kommunizieren.

Keine Regierung der Welt hat die Fähigkeit, die Kraft zu kanalisieren, die aus der Bewältigung dieser Herausforderungen kommt. Nur freie Menschen, die moralisch und ökonomisch einen Sinn darin sehen, Neues zu wagen und auch die Risiken des Scheiterns in Kauf zu nehmen, werden Zukunft gestalten. Diese Menschen stärken wir, wenn wir mit Selbstbewusstsein auch über Erfolge und Chancen reden.

Die drei Beispiele, die ich nannte sollen zeigen, dass wir im Spiel sind. Sind wir auch Stürmer? Wollen wir Stürmer sein? Wenn man den Bundestagswahlkampf verfolgt, könnte man glauben, es gehe um Buch-Zitate oder ein Lachen an der falschen Stelle. Nein: Wenn Sie aus dem Urlaub kommen, geht es um die Frage, ob wir Stürmer werden wollen.


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