Kommentar
60 Jahre
13. Aug 2021
VON: ROLAND KOCH

60 Jahre

Der 13. August ist kein so besonderer Tag in unserer Zeit. Gegen Corona und Klimawandel kann ein solches Datum des Innehaltens kaum ankommen. Dennoch ist es im Sinne Ludwig Erhards kaum möglich, am 60. Jahrestag des Mauerbaus ein anderes Thema wichtiger zu nehmen.

Hans Modrow war in der Nacht zum 13. August 1961 eine der Schlüsselfiguren der Organisation der Deutschen Teilung. Er war damals hoher Funktionär und schließlich beim Mauerfall 1989 der letzte Ministerpräsident des SED-Regimes. Heute ist er Vorsitzender des Ältestenrates der Partei „Die Linke“.  Er vertritt bis heute die These, durch den Bau der Mauer sei ein heißer Krieg auf deutschem Boden verhindert worden.

Da lohnt es sich, nach den Hintergründen eines solchen Satzes zu fragen. Tatsache ist, dass damals die Abstimmung mit den Füßen, die Flucht aus dem Gebiet der DDR, immer dramatischere Züge annahm. Zehntausende jeden Monat waren es zuletzt. Die Menschen ließen alles zurück, nicht nur Hab und Gut, sondern auch Familien, Freunde, Heimat. Warum?

Entlang der Grenze zwischen den Sektoren von Ost und West in Berlin konnte man die Kette der Kinos sehen, die marktähnlichen Stände boten unterschiedlichste Waren an, und wenn man die Wahrheit hören wollte, schaltete man einen Westsender ein. Die DDR des Jahres 1961 war eine kommunistische Diktatur, die den Menschen den Raum zum freien Denken und Reden nahm und nicht in der Lage war, die Versorgung der Bürger mit jedweden Gütern von Nahrung bis Kleidung, aber auch von Maschinen bis Infrastruktur, zu gewährleisten. Und nur wenige Straßenzüge oder Dörfer weiter entstand das Wirtschaftswunder, hörten junge Menschen junge Musik und konnte jeder gefahrlos sagen, was er denkt. Das Regime unter Walter Ulbricht, Willi Stoph und Hans Modrow hatte schon damals verloren. Nach 28 Jahren war schließlich die Kraft der Bürger so gewachsen, dass sie die Mauer einreißen konnten.

Die Soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards hat gewonnen. Bei manchem wird die Verheißung des Wohlstandes vielleicht sogar eher im Vordergrund gestanden haben als alle noch so wichtigen philosophischen Werte der Freiheit. Aber Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft ist nichts anderes als gelebte Freiheit. Sie macht Menschen mutig und sie mutet Menschen Risiken und eigene Entscheidungen zu. Sie lässt Kreativität wirken und wächst durch Widerspruch und Selbstbewusstsein. Diese Ordnung gibt der Würde des Menschen Raum. Der Wunsch, die Würde des Einzelnen in seiner jeweiligen Besonderheit respektiert zu sehen, wurde am 13. August 1961 eingesperrt, aber genau dieser Wunsch hat die Mauer auch zum Einstürzen gebracht.

„Mit Gewalt kann man unterdrücken. Unterdrückung aber erzeugt wieder Gegenkraft; das spüren wir hier in Berlin.“ (Ludwig Erhard, 1961)

Ludwig Erhard sagte in einer Rede am 14. Oktober 1961 in Berlin: „Das eine jedenfalls hat Berlin bei aller Not und Sorge, die die Menschen dieser Stadt erfüllt hat, für die freie Welt getan: Es ist in seinem Schicksal ein Fanal für die Freiheit geworden und geblieben bis auf den heutigen Tag. An keiner anderen Stelle der Welt ist so sichtbar geworden, um was es im Letzten geht, welches das geistig-seelische, ökonomisch-politische und soziale Ringen unserer Zeit in weltweiter Sicht ausmacht. Mit Gewalt kann man unterdrücken. Unterdrückung aber erzeugt wieder Gegenkraft; das spüren wir hier in Berlin.“

Mir persönlich fällt es schwer, damit umzugehen, dass es 60 Jahre nach dem Bau der Mauer im Führungszirkel einer Bundestagspartei immer noch einen der Verantwortlichen des SED-Regimes gibt. Man kann Modrows These von der Weltkriegsverhinderung auch für einen selbstgerechten Entschuldigungsversuch halten.  Eines bleibt aber auch richtig: Es gab und gibt politische und wirtschaftliche Systeme in der Welt, die die Freiheit der Menschen nicht dulden, weil freie Menschen niemals diese Systeme dulden würden.

Die Sowjetunion war 1961 noch mächtig genug, um zu verhindern, dass Menschen frei entscheiden. Die sowjetische Führung hatte die Macht, Mauern zu errichten und Panzer zu befehligen. Und sie schossen, wenn jemand dennoch in die Freiheit rannte. Solche Systeme gibt es noch immer. 1989 lagen wir uns in den Armen, weil wir glaubten, sie besiegt zu haben. Das war ein Irrtum.

Zu den Lehren gehört übrigens auch, dass das Ende der deutschen Teilung nur möglich war, da eine kluge Politik an der Seite unserer Verbündeten im Westen die deutsche Frage im Sinne einer Wiedervereinigung immer offengehalten hatte und die Bundesrepublik in den davorliegenden Jahrzehnten nie einen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie ein verlässlicher Bündnispartner für die Freiheit ist.

Nächste Woche schreibe ich zum Thema Klimapolitik, und jeder von uns wird wohl auch in diesen Tagen allgegenwärtig an das Covid-Virus denken müssen. Aber bevor wir für und gegen was auch immer kämpfen, sollten wir an Tagen, die ein Symbol deutscher und europäischer Geschichte wurden, innehalten. Genau deshalb ist der 13. August wichtig, auch für alle, die damals noch nicht geboren waren.


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