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Brauchen wir jetzt mehr oder weniger Ludwig Erhard?
12. Nov 2019
VON: ROLAND TICHY

Brauchen wir jetzt mehr oder weniger Ludwig Erhard?

Nachfolgend dokumentieren wir einen Vortrag, den der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung Roland Tichy beim 9. Frankfurter Ludwig-Erhard-Dialog zum Thema „Deutschland im Herbst 2019 – Brauchen wir jetzt mehr oder weniger Ludwig Erhard?“ gehalten hat.

Ludwig Erhard ist der Dicke mit der Zigarre, die so ein bisschen oll wirkt. Das Beste an ihm ist scheinbar die Zigarre: Sie ist so etwas von daneben, dass sie schon wieder modern ist. Oder etwa doch nicht? Denn sie ist ja auch so etwas von verboten heute. Genau diese Umwertung von Dingen ist etwas, womit wir uns auseinandersetzen müssen. Denn Ludwig Erhard gibt es nicht mehr, weil es eine Umwertung gibt, was ihn betrifft. Die Frage ist: Welches Bild von Ludwig Erhard und der Marktwirtschaft vermitteln wir? Also: Was ist Marktwirtschaft?

In den 50ern und 60ern war die Antwort relativ einfach. Marktwirtschaft bedeutete damals Wohlstand für alle: Es war die Fresswelle, die Kleidungswelle und die Urlaubswelle. Es war die Freiheit, mit dem Käfer nach Italien fahren zu können. Es war auch Rock ’n’ Roll, später die Beatles. Es war nicht die Stasi, die Mauer und das Eingesperrt-sein. Es war das Fernsehen, der Petticoat, die neue Wohnzimmereinrichtung von Neckermann. Und es war die Möglichkeit, dass man bald nach Mallorca fliegen konnte und nicht im verregneten Harz Urlaub machen musste. War an sich toll, die Marktwirtschaft.

Haben wir heute genug von alledem? Wenn man die öffentliche Debatte verfolgt, gibt es niemanden, der sagt, dass wir mehr Marktwirtschaft brauchen. Ich höre immer nur weniger. Dass es aber mehr sein sollte, ist immer begründungspflichtig. Marktwirtschaft ist – um es so zu nennen – nicht mehr sexy. Und deswegen möchte ich mit Ihnen über die Ludwig-Erhard-Sekunde nachdenken. So nenne ich die beiden Tage im Jahr 1948, den 20. und 21. Juni, an denen Erhard eine Sekunde genutzt hat, eben diese Preisfreigabe durchzusetzen – und damit hat er letztlich die Gütermärkte dramatisch verändert. Das war politisch gesehen Wahnsinn; es war selbstmörderisch, politisch unkorrekt, rechtsabweichlerisch, liberal, neoklassisch, neoliberal – wie immer Sie das bezeichnen würden. Erhard selbst nannte es „Mut und Verantwortungsfreudigkeit“.

Die Gewerkschaften streikten gegen die Preisfreigabe, und auch die CDU war sich in ihrer Ablehnung mit der SPD zunächst einig. Die Industrie war auch dagegen. Es gibt für die Wirtschaft nichts Besseres als feste Preise. Denn ohne Wettbewerb lebt es sich locker, jedenfalls gilt das für Produzenten. Das kennen Sie alle, Sie wissen es. Sie sind ein höfliches Publikum, ich danke Ihnen, dass Sie nicht gähnen. Die Frage, um die es hier geht, lautet: Diese Sekunde war ein Moment der Entscheidung – aber wie konnte es gelingen, diese Sekunde gewissermaßen zu dehnen? Wie konnte es gelingen, die Marktwirtschaft immer wieder zu verteidigen? Wie konnte es gelingen, gegen diese Widerstände eine einmal getroffene Grundsatzentscheidung doch verdammt lange durchzuhalten?

Wer soll das bezahlen?

Was man für selbstverständlich nimmt, verschwindet. Und genau das droht augenblicklich der Marktwirtschaft. Es werden zwar Bilder von Ludwig Erhard in Sälen aufgehängt, Büsten von ihm aufgestellt. Aber das ist ein bisschen wie mit den Reiterstandbildern, über die Karl Kraus sagte, sie würden von Taubenkot überzogen und letztlich in ihrer Bedeutung umgekehrt. Denn: Was machen wir aus dieser Marktwirtschaft?

Wir deckeln die Preise. Interessanterweise ist im Berliner Mietmarkt die erste Fehlentwicklung bereits zu sehen: Das Baugewerbe spürt schon jetzt einen kräftigen Beschäftigungseinbruch. Das Dumme an der Marktwirtschaft ist ja, dass sie wirklich sofort wirkt, nach oben oder nach unten. Die Wohnungen werden so dem Verfall preisgegeben.

Und das ist nicht der einzige Bereich: Der Energiesektor ist de facto verstaatlicht. Mit dem großartigen Ergebnis, dass die Preise fast täglich steigen, die Umweltbelastung zunimmt, der CO2-Ausstoß steigt und die Versorgungssicherheit abnimmt. Wir haben also alle vier Ziele glatt verfehlt. Aber wir machen einfach weiter, und zwar verstärkt. Sie kennen den Ausspruch von Mark Twain: Nachdem wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen. Das sind diese Widersprüche, wie wir sie heute erleben.

Strom entsteht nicht aus der heißen Luft des Bundeswirtschaftsministers: Heute schon werden Elektro-Autos subventioniert; Batterien sollen in halbstaatlichen Betrieben montiert werden; die Ladeinfrastruktur soll staatlich subventioniert werden. Wir reden hier von mehreren Milliardenbeträgen. In der Summe ist es ganz einfach: Wir bauen die Automobilindustrie vom Steuern zahlenden Arbeitsplatzmotor zum Subventionsschlucker um. Die Erfindung des Automobils ging umgekehrt: Das Auto wurde nicht subventioniert. Seine Abschaffung schon. Man könnte heute bei so vielen Fragen Bertolt Brechts Frage, wer das siebentorige Theben baute, umformulieren in: Wer zahlt die Steuern für solche Maßnahmen?

Abkehr vom freien und mündigen Bürger

Aber es ist ja nicht nur eine Wohlstandsfrage. Es geht auch – und das ist das Entscheidende – um den Begriff der Freiheit. Wir erleben den Verfall dieser Freiheit, die ich versucht habe, am Leben der 60er und 70er Jahre begreifbar zu machen. Kürzlich habe ich ein Flugblatt gesehen, auf dem stand: Verbietet uns endlich was! Und wenn Sie sich in den Medien umschauen, gibt es dort geradezu eine Lust am Verbieten, bis zum Lächerlichen. Was Sie essen, ist mir ehrlich gesagt wurscht, ich würde Ihnen nie etwas vorschreiben, etwa eine Diät. Aber offensichtlich ist das jetzt die Norm. Renate Künast spricht von Fleischwende. Nach ihrer Empfehlung sind die Aktienkurse von Beyond Meat um 30 Prozent gesunken.

Das Leitbild des freien und mündigen Bürgers wird gerade völlig umgekehrt: Statt Freiheit und Verantwortung – den Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft – kommen Gleichheit und Fürsorge, natürlich vom Staat garantiert – und damit kommt auch der Griff in Ihre Tasche. Die Menschen wollen offenbar von dieser Bürde der Freiheit entlastet werden, mit Versorgungsanspruch. Die Unmündigkeit ist der Geisteszustand, gegen den jede Aufklärung ankämpft. Und wir sollten kämpfen. Es ist unsere Staatsbürgerpflicht.

Wir sollten diesen Prozess nicht unterschätzen, und wir sollten gemeinsam kämpfen. Deswegen wurde die Ludwig-Erhard-Stiftung gegründet. Man muss sagen: Es wird unterschätzt, dass Ludwig Erhard in den folgenden Jahren unglaublich kämpfen musste für die Realisierung und Beibehaltung der Politik beruhend auf seiner wirtschaftspolitischen Konzeption. Man muss auch sagen, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung damals eine wesentliche Stütze dieser Politik war, als sie sich mit Ludwig Erhard gewissermaßen verbündet hat. Und man muss auch sagen, dass große Verbände und Unternehmen der mittelständischen Wirtschaft Erhards Politik mit Geldern unterstützt haben, um Wahlkampagnen für die Marktwirtschaft zu führen. Und das haben wir völlig vergeigt. Wir haben übersehen, dass man für so eine Konzeption politisch kämpfen muss. Und um dieses politische Kämpfen geht es hier.

Die andere Seite der Medaille: das solide Geld

Wenn Sie mir die Frage stellen: Brauchen wir jetzt mehr oder weniger Erhard? – auf den Gütermärkten habe ich ein paar Beispiele genannt –, dann müssen wir auch auf die andere Seite der Medaille schauen. Die Preisfreigabe war die eine Seite, die andere Seite war das gute, das solide Geld. Ludwig Erhard war der festen Überzeugung, dass es ohne gesundes Geld keine gesunde Wirtschaft geben kann.

Und wir leben in einer Zeit, in der genau diese Frage neu diskutiert wird. Ich war in den letzten Tagen auf mehreren Symposien zu diesem Thema, denn plötzlich ist uns klargeworden, dass die Phase der Null- oder Negativzinsen keine vorübergehende Erscheinung ist, sondern von langer Dauer sein wird. Und wir haben noch gar nicht begriffen, was das ist: Nullzinsen. Was sind die Folgen? Ich meine nicht nur die Folgen für den Sparer, das kann man sich ausrechnen.

Es passiert im Augenblick etwas viel Fundamentaleres mit unserer Währung. Selbst die Bank für internationalen Zahlungsausgleich warnt vor einer „Zombifizierung“. Sie wissen, dass der Zombie der lebende Tote ist. Und Zombifizierung heißt, dass es viele Unternehmen gibt, die nur überleben, weil sie mit billigem Geld finanziert werden. Eigentlich sind sie pleite, aber sie leben weiter.

Man könnte jetzt sagen: Das ist doch nett, so bleiben mehr Arbeitsplätze erhalten. Das stimmt. Aber das Problem ist, dass die gesamtwirtschaftliche Produktivität sinkt. Immer mehr Unternehmen geraten in diesen Sog und belasten andere, die eigentlich leistungsfähig wären. Denn am Ende muss sich beim Wettbewerb – im Kühlregal oder im Autohaus oder wo auch immer – der Tüchtige mit dem Lahmen messen, der sich letztlich unfaire Vorteile verschafft hatte durch die Geldpolitik.

Die leistungsfähigen Unternehmen werden ausgebremst. Langfristig stagnieren Löhne und Gehälter. Die Verlierer der Notenbankpolitik sind jüngere Menschen, denn ihre zukünftigen Einkommensmöglichkeiten und Jobchancen schwinden, wenn die Wirtschaft stagniert. Das ist das eine Problem: die absinkende Produktivität der Volkswirtschaft.

Umwandlung von gutem in schlechtes Geld

Das zweite Problem ist das der Banken. Die Banken funktionieren – vereinfachend – nach der 3-6-3-Regel: Ich zahle Ihnen drei Prozent für die Spareinlagen, dann verleihe ich das Geld für sechs Prozent an Häuserbauer oder an Unternehmen – und bin dann um drei Uhr auf dem Golfplatz.

Dummerweise ist aus der 3-6-3-Regel eine 0-0-0-Regel geworden. Banken, die bislang von ihrem Wesen her von der Zinsmarge gelebt haben, haben ihr Geschäftsmodell verloren. Ich glaube, viele Banken dachten, dass sie das so ein, zwei Jahre durchstehen werden, aber wir sind jetzt in einer Phase, in der das gewissermaßen Üblichkeitscharakter hat. Den größten Schrecken, den Sie heute einer Bank zufügen können, ist nicht, dass Sie sie ausrauben. – Ich bitte Sie, was ist das für eine primitive Methode! – Nein, der größte Schrecken ist, wenn Sie das Geld kofferweise in diese Bank tragen. Sie geht dann pleite. Sie können eine Bank heute mit Ihren Spareinlagen buchstäblich in den Ruin treiben. Die Banken werden sich natürlich wehren: Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen und die Banktüren werden geschlossen. Sie drohen der Bank mit Bargeld oder Überweisungen. Das ist eine ironische Zuspitzung der Sachverhalte, denen wir im Prinzip gegenüberstehen.

Dabei sind die negativ Betroffenen insbesondere die Sparkassen, Volksbanken und Banken, die genau auf diesem Geschäftsmodell der 3-6-3-Regel basieren. Goldman Sachs hat beispielsweise kein Problem; solche Unternehmen sind provisionsgetrieben, machen Spekulationsgeschäfte. Wir zerstören die einfachen Banken, deren Hohelied wir ansonsten immer singen.

Nun lautet also die Frage, wann diese Banken sterben werden. Ich sage das so lapidar, aber es ist ein ernsthaftes Problem. Die zentrale Frage ist im Augenblick, wie gut die Bankenaufsicht der EZB funktioniert. Erkennt sie jene Banken, die untergehen? Erkennt sie das Ausbrennen der Banken, und hat sie genügend Mittel, genügend Schaum, um das Feuer zu löschen? Ich meine, das ist genau die Situation, wenn gutes Geld zu schlechtem umgewandelt wird.

Soziale Ungleichheit durch Umverteilung

Was wir erleben, – Sie sprachen von möglicherweise sozialistischem Gedankengut – ist eine maßlose Umverteilung. Über den Berliner Mietendeckel haben wir bereits gesprochen und gelästert, ihn verabscheut und zurückgewiesen. Aber es steckt ein großes Problem hinter schnell steigenden Immobilienpreisen und Mieten. Und das ist ein soziales Problem: Neben Wohnungsmangel aufgrund von Zuwanderung und mangelnder Baulandausweisung haben wir jetzt das Phänomen, dass wer Geld hat, noch mehr Geld für nichts bekommt.

Man könnte es noch mal in ein anderes Bild bringen: Auf Städte wie Frankfurt, Berlin, Hamburg oder andere Großstädte wird jeden Tag containerweise Geld abgeladen. Containerweise stürzt das Geld auf diese Städte herunter. Und das ist Geld, das nach Anlagen sucht. Dieses Geld wird in Immobilien investiert. Das treibt die Preise und später die Mieten. Wir haben also das Problem einer Vermögensinflation.

Wir haben keine Probleme der Güterpreisinflation, weil wir in einer globalen Wirtschaft leben. Aber im Vermögensbereich – Vermögensgegenstände wie Immobilien können nicht beliebig und auch nicht kurzfristig vermehrt werden – erleben wir eine dramatische Inflation mit allen Folgen, die diese Inflation mit sich bringt: die Zerstörung dieser Märkte, aber auch große soziale Ungleichgewichte. Das gilt auch für die Aktienmärkte; da fällt es nur nicht so auf, weil in einem Aktiendepot keiner zur Miete wohnt, aber im Prinzip haben wir auch hier das Phänomen der Preisinflation. Wer nichts hat, der zahlt drauf. Und wer neu wohnen muss, weil er etwa wegen eines neuen Jobs umzieht, der ist der Verlierer. Und das ist wieder die jüngere Generation.

Das ist ein eklatanter Verstoß gegen die Forderung von Ludwig Erhard, Wohlstand für alle zu schaffen. Erhard hätte diese Umverteilung durch die Geldpolitik strikt abgelehnt. Die Löhne sind zwar auch angestiegen, aber bei Weitem nicht in diesem Maße. Und auch die Wirtschaft hat sich darauf eingestellt: Die großen Aktiengesellschaften investieren nicht, sie kaufen Aktien zurück. Wir erleben eine Verlagerung der Güterproduktion, der Wirtschaftsleistung in eine Finanzialisierung dieser Märkte, und das ist schädlich.

Die junge Generation hält das Klima für ihr größtes Problem

Das alles passiert vor dem Hintergrund der Demografie. Wir sind ja hier im Wesentlichen Teil der Baby-Boomer-Generation, und wir sind eine stattliche Gruppe. Wenn wir in Rente gehen, zerbrechen die sozialen Sicherungssysteme, wie wir sie kennen. Das ist eine Tatsache. Wir gehören zu einer Generation, die profitiert hat. Wir haben davon profitiert, dass unsere Eltern früh gestorben sind, weil sie die Kriegslasten getragen haben. Und wir haben wenige eigene Kinder. Also haben wir eine alternde Gesellschaft, in der die kommende soziale Versorgung nicht gesichert ist.

Aber wir haben ein Gegenmodell entwickelt – dieses Thema ist ja offenkundig, es ist verhandelt, diskutiert, beschrieben worden –: die Riester-Rente. Wenn das System mit Beiträgen nicht mehr funktioniert, dann lasst es uns über Kapitalmärkte versuchen. Die Idee ist gut, aber in einer Welt mit Nullzins funktioniert die klassische Riester-Rente nicht. Wir haben uns also einen Rettungsring umgelegt und später festgestellt, dass er im Nachhinein mit Blei gefüllt wurde. Wir werden auch andere Formen der Absicherung, zerstört sehen, etwa berufsständische Versorgungen. Wir werden eine Generation erleben, die sich betrogen fühlt um die Arbeit, die sie geleistet hat. Denn wir werden diese Sicherungssysteme nicht aufrechterhalten können. Wir werden genauso eine zornige, junge Generation erleben, die das eigentlich wissen könnte, aber nicht wissen will. Unsere Chance ist, dass die junge Generation ahnungslos in diese Falle läuft. Sie hält das Klima für ihr größtes Problem, dabei sind wir das größte Problem. Wir sind die eigentliche Klimakatastrophe.

Ludwig Erhard hatte in den 50er Jahren ein Modell entwickelt, das Modell einer Volksaktie, damals mit VW-Aktien. Auch das war nicht einfach für ihn. Volksvermögen in Arbeitnehmerhand, das hat den Gewerkschaften nicht gefallen. Das hätte ja Kapitalisten herangezüchtet. Und man hat alle möglichen kollektiven Systeme aufgebaut, die alle einen Fehler hatten: Sie sind zinsbasiert und damit wertlos. Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten sich zu den Preisen von 1959 ein deutsches Industrieaktienpaket zusammengekauft. Es ist ein Drama.

Marktwirtschaft hätte uns retten oder wenigstens entlasten können, jedenfalls vor dem Problem der demografischen Veränderung, das wir so einfach nicht lösen können. Aber jetzt stehen wir vor den Trümmern der EZB-Politik, und dem Ausstieg aus einer stärker globalisierten Altersvorsorge folgt die demografische Zeitbombe. Gewinner der Nullzinspolitik ist in erster Linie der Staat. Die schwarze Null ist ein Fake. Allein wenn der Bundesfinanzminister bestehende Papiere umschuldet, macht er einen unendlichen Gewinn. Und in einer Zeit, in der sich innerhalb von 15 Jahren die Staatsanleihen ohnehin verdoppelt haben, hat es gerade mal zu einer schwarzen Null gereicht, und die Zinsgebühr kommt noch dazu. Das ist eine spannende Sache, aber natürlich – man könnte sagen – ein marktwirtschaftlicher Vorgang. Und Marktwirtschaft wirkt sofort.

Es geht um Kritik an der Konsumgesellschaft

Die unter 40-Jährigen kämpfen für das Klima. Ich stütze mich hier auf ein paar Ideen von Ulf Poschardt, dem Chefredakteur der „Welt“, der diese entwickelt hat bei Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik an ihn in Berlin vergangene Woche. Wie kommt es zu dieser Mobilisierung für den Klimaschutz? Man kann sich da jetzt immer alle möglichen Sprüche vorstellen, aber wir müssen wissen: Mobilisieren können nur die konsequentesten und die marktgängigsten Konzepte. Wir erleben auf dem Markt der Demonstrationen, dass Fridays-For-Future eine tolle Marke ist und sich wunderbar organisieren lässt.

Leider ist es uns als ältere Generation nicht gelungen, uns zu organisieren. Wir haben in diesem politischen Marketingprozess komplett versagt. Wir kämpfen nicht für die Marktwirtschaft. Wir haben es anderen überlassen, für ihre Dinge zu kämpfen. Ich glaube, Greta ist heute die wertvollste Marke der Welt. Sie hat ihrer Familie und manchen NGOs ungeheuren Reichtum beschert: ein 50-Milliarden-Euro-Klimapaket allein in Deutschland. Da lässt sich was bedienen. Die Autofirma, die Greta als Testimonial gewinnen würde, hätte keine Probleme mehr. Sie hätte auch keine Probleme mit Abgaswerten, Greta deckt alles zu.

Das ist der Markt, um den es geht, und Greta und Luisa und wie sie alle heißen haben auch etwas Weiteres geschafft: Sie haben eine Sinn- und Genusskrise im globalisierten Kapitalismus freigelegt. Naturschutz ist ja eine altmodische Kiste. Naturschutz ist Willy Brandt, und Naturschutz ist der erste CSU-Umweltminister. Der Naturschutz ist ja eigentlich auf einem guten Weg, aber darum geht es nicht mehr. Es geht um Kritik an der Konsumgesellschaft, die mit unserer Marktwirtschaft verbunden ist.

IT-Technologie als Erbe der Hippie-Bewegung

Ein weiterer Punkt, in dem wir versagt haben: Wir haben keine Instagram-Accounts. Wir haben keine schicken Bilder auf Instagram, wie etwa Greta und die Feinde der Marktwirtschaft. Marktwirtschaft ist scheinbar nicht sexy. Dabei ist sie es! Aber dieses Gefühl für Modernität, für Leidenschaft wird leider auch nicht in den Seminaren der IHK-Frankfurt vermittelt. Wir haben ja ein Bild von Unternehmern, mit Schlips und Krawatte, aber wir haben kein Bild davon, dass Marktwirtschaft eine freiheitliche Ordnung ist.

Scheinbar ist Marktwirtschaft die Wirtschaftsform der Angepassten. Bei uns ist man demnach für Marktwirtschaft, wenn man angepasst ist. Aber: Unternehmertum ist die Sache der Außenseiter. Es ist die Sache der Verrückten. Es ist das Wesen des Unternehmers, dass er etwas Wildes organisiert, das Bestehende zerstört: schöpferische Zerstörung im Sinne von Schumpeter, das Ganz-anders-machen. Wenn man sich anschaut, wo die große Dynamik der Unternehmer sitzt, ist das bekanntlich ein kleiner Winkel der Welt, nämlich Kalifornien. Da kommen sie ja alle her: Apple, Amazon, Google, Facebook, oder wie sie alle heißen. Warum Kalifornien? Internet wächst nicht auf den Palmen da, sondern Internet und die gesamte Technologie, die ich jetzt einfach pars pro toto benenne, sind ein Erbe der Hippie-Bewegung. Das ist auch die Folge von LSD-Rausch.

Das Problem entsteht, wenn so eine Welt auf den klassischen deutschen Unternehmer trifft, auch wenn es ein grandioser Unternehmer ist. Und das ist gelegentlich passiert: Heinz Nixdorf ist ein großartiger Unternehmer gewesen, er hat Nixdorf-Computer zu einem vorübergehend führenden Unternehmen der Welt gemacht. Und eines Tages ist ein junger Mann, Steve Jobs, aus den USA zu ihm gekommen und wollte für ihn programmieren. Nixdorf hatte diese mittelgroße Rechentechnik, Steve Jobs nur die kleine für zu Hause, den PC. Nixdorf hat abgelehnt mit der Begründung: Wir bauen Lastwagen für die Industrie und keine Mopeds. Dummerweise haben die Mopeds gewonnen.

In dem architektonisch großartigen Bau, das ist der Sitz der Hauptverwaltung, ist heute ein großartiges Computermuseum untergebracht. Gerade in Paderborn, in einem verschlafenen Nest. Ich kann Ihnen dieses Museum empfehlen, es ist sehr spannend. Alle möglichen Formen von Rechenmaschinen und Geräten sind da zu sehen, und dazwischen steht ein Elektrofahrrad. Heinz Nixdorf hatte damals die Idee, ein Elektrofahrrad zu bauen. Manchmal scheitern Unternehmer auch, wenn sie zu früh dran sind.

Es ist eine Naturgewalt!

Was ich sagen will: Unternehmertum, Marktwirtschaft ist eigentlich dieses Unangepasste, dieses Aggressive, dieses Neue – und eben nicht das Angepasste. Haben wir dazu den Mut? Auf Netflix gibt es eine wunderbare Serie: Skylines. Ich empfehle sie allein schon deswegen, weil sie in Frankfurt spielt und Sie alle Orte wiedererkennen werden. Die Musik mag einem nicht gefallen, die Sprache versteht man kaum, es geht um Türken-Machos, die ein Riesenplattenlabel aufbauen. Das ist Marktwirtschaft pur. Menschen mit Migrationshintergrund und schlechtem Benehmen, bis hin zur Kriminalität und Rauschgifthandel, bauen ein Riesenlabel auf.

CapitalBra, Ufo 361 – das sind bekannte Rapper-Namen, die wir nicht kennen. Aber es sind immer Menschen mit Migrationshintergrund und Eigenverantwortung, die sagen: Ey, Alter, was geht ab? Und es geht was ab. Es geht alles über Marktwirtschaft ab, über Innovation und Disruption. Aber davor haben wir ein bisschen Angst, nicht wahr? Wir gründen lieber einen Betriebsrat, bevor das Unternehmen steht. Dann kommt die IHK und kassiert Beiträge, und wenn dann noch etwas übrigbleibt, muss man es schnell investieren, bevor das Finanzamt es merkt.

Wir dürfen Marktwirtschaft und Ludwig Erhard eben nicht nur musealisieren, so sehr ich das Museum in Fürth schätze. Wenn etwas im Museum ist, ist es vorbei. Es geht um eine elementare, dynamische Kraf, und diese elementare und dynamische Kraft müssen wir stärken. Wir verlieren dieses Land sonst. Wir verlieren die Freiheit. Wir verlieren unseren Wohlstand, wenn wir Marktwirtschaft nicht besser verkaufen. Ulf Poschardt meinte, dass man Marktwirtschaft elegant, gerissen und verführerisch darstellen müsse. Es ist die Zukunft der Freiheit, es ist unsere Freiheit, es ist unser Wohlstand. Die Feinde der Marktwirtschaft, die kommen anders daher: bunt, schlau, überzeugend. Sie haben vordergründig gute Argumente, aber in Wirklichkeit haben sie in ihrem Musterkoffer Unfreiheit, Armut und Umweltzerstörung.

Wir können über wirtschaftliche Fehlleistungen dieser Bundesregierung diskutieren, die sind ellenlang, oder auch über die Geldpolitik. Aber eigentlich müssen wir über uns diskutieren: Wie verkaufen wir unsere Ideale, unsere Politik, unseren Glauben aggressiver, fröhlicher, lustiger? Gehen wir hier deprimiert hinaus, weil wir schon wieder einen Vortrag darüber gehört haben, dass die Marktwirtschaft am Ende ist? Oder sagen wir, dass es eine Naturgewalt ist? Ich sage: Es ist eine Naturgewalt. Wir müssen nur den Mut haben, die Türen dafür aufzumachen.

Der 9. Frankfurter Ludwig-Erhard-Dialog, eine gemeinsame Veranstaltung der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V., der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt am Main, der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von 1947 e.V. und der Goethe-Universität Frankfurt, fand am 31. Oktober 2019 in den Räumen der IHK Frankfurt am Main statt. Thema des Dialogs war: „Deutschland im Herbst 2019 – Brauchen wir jetzt mehr oder weniger Ludwig Erhard?“

 
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