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Die Rolle der Medien in der Sozialen Marktwirtschaft
04. Jul 2018
VON: LUDWIG-ERHARD-STIFTUNG

Die Rolle der Medien in der Sozialen Marktwirtschaft

Anlässlich des Jubiläums „70 Jahre Wirtschafts- und Währungsreform“ veranstaltete die Ludwig-Erhard-Stiftung am 28. Juni 2018 in Berlin ein Symposion zum Thema „Neue Dynamik für die Digitalisierung von Wirtschaft und Währung“. Holger Steltzner, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung, sprach in seiner Rede, die wir nachfolgend dokumentieren, über die Rolle der Medien in der Sozialen Marktwirtschaft.

Ohne die Unterstützung einiger weniger Medien gäbe es heute keine Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg wäre wohl ausgeblieben. Denn von allein stellte sich das deutsche Wirtschaftsmodell mit seiner besonderen Mischung aus unternehmerischem Erfolg, sozialem Ausgleich und Massenwohlstand nicht ein.

Es gibt viele Väter der Sozialen Marktwirtschaft, aber nur einen Ludwig Erhard. Er beschloss und verkündete 1948 die Aufhebung der staatlichen Bewirtschaftung und des Preisstopps ohne Wissen der Besatzungsmächte. Im Handumdrehen erhielt Westdeutschland eine neue Währung und eine neue Wirtschaftsordnung – noch bevor es eine Verfassung und die Bundesrepublik als Staat gab. Das erklärt die identitätsstiftende Wirkung der Sozialen Marktwirtschaft und der D-Mark.

Ablehnung der Marktwirtschaft

Erhard und seinen Mitstreitern ging es um mehr als nur die Wirtschaft. Erhards Ziel war eine freiheitliche und sozial verpflichtende Gesellschaftsordnung, die das Individuum zur Geltung bringt, die aber auch die verpflichtende Hingabe an das Ganze, also Mitverantwortung an das Gemeinwesen will. Vor allem aber ging es Erhard um Freiheit und möglichst wenig Staat. Die D-Mark allein könne die Mangelwirtschaft, in der Waren rationiert und gehortet wurden, nicht überwinden, war Erhard überzeugt. Deshalb verband er die Währungsreform mit einer Wirtschaftsreform, die dafür sorgte, dass sich Arbeit und Unternehmertum wieder entfalten konnten. Die wichtigste Voraussetzung hierfür war, den Preismechanismus wieder zuzulassen. Damals versuchte der Staat, mit etwa 450 Gesetzen und Verordnungen samt Bezugsscheinen die Produktion, Güterströme und Preise zu lenken. Die Folge war strenge Rationierung; billig war nur, was es auf Bezugsscheine gab.

Die Stimmung nach dem Zweiten Weltkrieg war in Deutschland alles andere als freiheitlich und marktwirtschaftlich. Die SPD war auf Sozialisierungskurs; selbst die CDU bekannte sich in ihrem Ahlener Programm 1947 zur Verstaatlichung. Sogar die deutsche Industrie war ein Gegner von Wettbewerb und Marktwirtschaft.

Seit dem wilhelminischen Kaiserreich war Deutschland ein Land mit hoher Kartelldichte. In der Weimarer Republik wurde die Zahl der Kartelle in Industrie, Handel und in der Finanzbranche auf 2500 bis 3000 geschätzt. Kartelle galten als honorig, sogar als fortschrittlich. Die starke Konzentration ermöglichte den Nationalsozialisten, die deutsche Wirtschaft gleichzuschalten und für den Krieg umzusteuern. Nach Kriegsende kämpfte insbesondere der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mit aller Macht für den Erhalt der Kartelle und wollte unbedingt ein Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen verhindern, durch das die Gründung des Bundeskartellamts erst möglich wurde.

Die Wirtschaftsredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ stellte sich kurz nach Gründung der Zeitung 1949 hinter das Vorhaben von Ludwig Erhard, der sich damit 63 auch gegen den ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer durchsetzen musste. Neben der „F.A.Z.“, die sich bis heute einer freiheitlichen Wettbewerbsordnung verpflichtet fühlt, wurde Erhards Kurs nur noch von dem Unternehmermagazin „Die Waage“ und von Wirtschaftswissenschaftlern unterstützt. Alle anderen Medien waren dem Zeitgeist entsprechend planwirtschaftlich-sozialistisch und lehnten zusammen mit der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung die Marktwirtschaft ab.

„Sprachrohr der Industrie“?

Die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete im Juni 1950 über eine Allensbach-Umfrage, nach der über die Hälfte der Bevölkerung auf die Frage, was die Soziale Marktwirtschaft sei, geantwortet hätten: „Keine Ahnung“. 19 Prozent verbanden mit ihr die „Wirtschaftspolitik des kleinen Mannes“, acht Prozent meinten, das sei Planwirtschaft. Ebenfalls acht Prozent waren der Meinung, der Begriff ziele auf eine freie Wirtschaft ohne Kontrollen, vier Prozent verbanden damit die Politik Erhards und drei Prozent meinten, das sei Unsinn. Seit ihrer Gründung reiben sich die Gegner an der „F.A.Z.“ Schon in den 1950er-Jahren wurde sie als „Sprachrohr der Industrie“ diffamiert; dabei beweist die Geschichte der Zeitung das Gegenteil. In ihren Gründungsjahren focht die „Frankfurter Allgemeine“ einen erbitterten Kampf gegen Kartelle und für die Einführung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen, das Erhard als „Grundgesetz der Marktwirtschaft“ bezeichnete. Die Wirtschaftsredaktion erhielt zum Teil vertrauliche Entwürfe zum Gesetzesvorhaben und berichtete laufend über das Unwesen der Kartelle im Land.

Das erregte großen Ärger im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der damals von kartellfreundlichen Großunternehmen dominiert war und Erhards Vorhaben sogar mit einer eigenen Zeitschrift verhindern wollte. „Der BDI wurde der stärkste Widersacher der Zeitung und des Wirtschaftsressorts, sie war ihr Hauptfeind“, sagt der Würzburger Historiker Maximilian Kutzner, der in einer Dissertation die Frühgeschichte der Zeitung und der Wirtschaftsredaktion beleuchtete.

Der Konflikt mit der „F.A.Z.“ wurde mit zunehmender Härte geführt, um das Jahr 1955 herum eskalierte er. Es kam unter Federführung des BDI zu einem Anzeigenboykott vieler Industrieunternehmen, der die Zeitung beinahe in die Insolvenz getrieben hätte. In dieser Notlage stützte sie nur eine Reihe von mittelständischen Familienunternehmen, etwa der Schuhfabrikant Salamander, die weiter Anzeigen schalteten. „Die ,F.A.Z.‘ war also keineswegs das Sprachrohr der Industrie, sondern hat ihre Unabhängigkeit verteidigt“, resümiert Kutzner.

Freiheit als Privileg?

Schon die Gründerväter sahen in der Verankerung des Wissens über die Soziale Marktwirtschaft in der Bevölkerung die größte Herausforderung. Dies war damals wie heute unglaublich schwierig angesichts der Staatsgläubigkeit und der vermeintlich höheren Gerechtigkeit sozialistischer Wirtschaftsmodelle. Der Gedanke von Freiheit und Wettbewerb ist in Deutschland leider nicht so tief verwurzelt wie in Großbritannien. Freiheit gilt hierzulande nicht als natürliches Geburtsrecht der Bürger, sondern wird eher wie ein vom Staat verliehenes Privileg betrachtet. Bis heute muss sich die Idee der Freiheit behaupten.

Die neuen Herausforderungen sind der Handelskonflikt zwischen den USA und Europa, die totale Überwachung in China oder der Umbau der Währungsunion zur Transferunion. Wie man es wirklich mit der Sozialen Marktwirtschaft hält, zeigt sich im Umgang mit ihren zentralen Prinzipien. Wer in der Eurozone die Einheit von Entscheidung und Haftung auflösen möchte, der misstraut der Marktwirtschaft. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für Medien.

Jürgen Jeske, mein Vorgänger als Herausgeber der „F.A.Z.“, beschrieb das auf seiner Abschiedsseite wie folgt: „Wer für eine marktwirtschaftliche Ordnung wirbt, wie diese Zeitung, muss in erster Linie der Gedankenlosigkeit der Menschen, vor allem aber ihrer Vergesslichkeit entgegentreten. Zum zweiten muss der schillernde Begriff der Freiheit immer wieder erklärt werden. Und drittens müssen Funktion und Bedeutung der Wirtschaft erläutert werden, weil selbst nach fünfzig Jahren Marktwirtschaft in Deutschland die elementaren Kenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge in breiten Schichten noch immer beklagenswert gering sind. Das ist über die Jahrzehnte hinweg, selbst in einer liberalen Zeitung, eine mühsame und zum Teil frustrierende Aufgabe gewesen und bleibt es weiterhin.“

Heute sind wir sechzehn Jahre weiter – und ich muss sagen: Jürgen Jeske hat noch immer recht. Heute ist das Werben für Ordnungspolitik sogar noch schwieriger, weil das Internet viel mehr ist als ein Substitut von traditionellen Informationsquellen wie Zeitungen. Durch das Internet gibt es einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Information. Die tägliche Orientierung wird abgelöst durch Informationssuche nach Bedarf.

Untersuchungen des Instituts von Allensbach kommen zu einem traurigen Befund. Danach ist das Interessenspektrum vor allem der jungen Leute deutlich enger geworden, auch das Interesse an Politik und Wirtschaft hat spürbar nachgelassen. Das Internet hat den Informationsstand und die Urteilsfähigkeit der Bürger nicht verbessert, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung vom Gegenteil überzeugt ist. In Umfragen stufen drei von vier Befragten sich selbst als gut informiert ein, bemerkenswerterweise auch 60 Prozent derjenigen, die sich nur wenig oder gar nicht für Politik oder das aktuelle Geschehen interessieren. Für die meisten Befragten dient das Internet vornehmlich der Kommunikation. Das erklärt übrigens den Erfolg der sogenannten sozialen Netzwerke.

Haben die Gründungsväter dem deutschen Wirtschaftsmodell einen Gefallen getan, indem sie den Begriff des „Sozialen“ der Marktwirtschaft voranstellten? Der Kniff mag geholfen haben, die skeptischen Deutschen wenigstens ein bisschen für die Marktwirtschaft zu erwärmen. Zugleich begingen sie aber auch Etikettenschwindel, indem sie so taten, als könne das Wort „Sozial“ der Marktwirtschaft ihre Unsicherheit und Unbequemlichkeit nehmen, obwohl der Wettbewerb Gewinner und Verlierer kennt.

Und der Staat kann die Risiken allenfalls mindern, aber Verlierer nicht komplett entschädigen, wenn er die Triebfeder dieses erfolgreichen Wirtschaftssystems nicht gefährden will.

Dieser Beitrag ist in der im Juni 2018 erschienenen Publikation der Ludwig-Erhard-Stiftung „Wohlstand für Alle – 70 Jahre Währungsreform“ veröffentlicht. Lesen Sie die Online-Ausgabe des Heftes oder laden Sie es hier als PDF herunter. Die Print-Ausgabe kann über info@ludwig-erhard-stiftung.de bestellt werden.

Hier geht es zur Dokumentation des Symposions mit Fotos und den anderen Redebeiträgen.


Foto: Dirk Hasskarl

 
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