Im Ludwig-Erhard-Kommentar mag eine Einleitung mit einem Zitat von Karl Marx überraschen, dennoch möchte ich meine Bemerkungen zur Rolle der Erwerbsarbeit mit einem Zitat beginnen: „Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind.“[i] So widersprüchlich die Haltung des Revolutionärs zur Arbeit während seines Lebens gewesen sein mag, diese Grunderkenntnis, dass wir einzeln und als Gesellschaft von Arbeit leben, war da.

Weniger arbeiten bei vollem Lohnausgleich?

Nun geht es bis heute darum, wieviel Arbeit erforderlich und zugleich wünschenswert ist. Meine Bemerkungen sind von der Tagespolitik initiiert, aber das Marx-Zitat zeigt schon, dass sie auch eine grundsätzliche, eher philosophische Dimension haben. Die Industriegewerkschaft Metall startete schon 1984 den ersten Streik mit dem Ziel der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Heute stehen unsere Züge oft still, weil eine der Eisenbahn-Gewerkschaften 36-Stunden-Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich erstreiten will. Auch berichten Arbeitgeber, dass bei Einstellungsgesprächen von jungen Akademikern schon sehr früh die Frage nach Sabbaticals gestellt wird. Die längere Lebensarbeitszeit gilt ebenfalls als eine Zumutung seitens der Politik.

Diese Einstellungen sind eine Veränderung einer jahrhundertelangen Entwicklung und sie können für die kommenden Jahre sehr gefährlich werden, denn es spricht nichts dafür, dass die Sehnsucht nach immer kürzeren Arbeitszeiten bei gleichem oder sogar steigendem Wohlstand erfüllt werden kann. Längere Zeit konnte Deutschland mit einem beachtlichen Wachstum der Produktivität und der Generation der Babyboomer sogar eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich finanzieren. In den letzten Jahren, insbesondere seit etwa 2018, stagniert das Produktivitätswachstum in Deutschland. Strukturelle Herausforderungen in einigen Branchen, eine mangelnde Dynamik in der Digitalisierung und demografische Veränderungen sind neben einem insgesamt schwächeren Wirtschaftswachstum in Europa wichtige Gründe.

Wenn wir in Deutschland ohne überhöhte Staatsverschuldung den Wohlstand auch nur erhalten wollen, stehen längere Arbeitszeiten in der Woche und im Leben auf der Tagesordnung. Sie werden vielleicht flexibler und individueller sein, aber nicht kürzer.

Arbeit prägt die Geschichte der Menschheit

Ist das wirklich so schlimm? In der Geschichte der Menschheit hat Arbeit stets eine zentrale Rolle gespielt und ihre Ausformung hat sich dabei kontinuierlich gewandelt. Die Frage, ob eine Erwerbstätigkeit lediglich eine lästige Unterbrechung des Lebens oder ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit ist, hat Philosophen und Gesellschaften immer beschäftigt.

In prähistorischen Gesellschaften war Arbeit notwendig für das Überleben. Jäger und Sammler mussten sich täglich um Nahrung und Unterkunft kümmern. Mit der Entstehung von sesshaften Gesellschaften änderte sich die Natur der Arbeit, wobei Landwirtschaft und Handwerk eine zentrale Rolle einnahmen. Im Mittelalter wurde Arbeit oft mit einem religiösen Sinn verbunden (vgl. „Ora et labora, Deus adest sine mora“ – „Bete und arbeite, Gott ist da“). Die Arbeit wurde als göttliche Pflicht betrachtet, und die Trennung von Arbeit und Gebet war wenig ausgeprägt. Das calvinistisch/protestantische Arbeitsethos betonte die Tugenden der harten Arbeit, der Sparsamkeit und des Erfolgs im Beruf als Zeichen der Auserwähltheit. Der Erfolg im Beruf wurde als ein Zeichen der Gnade Gottes interpretiert, während Faulheit und Verschwendung als Zeichen der Verdammung angesehen wurden. Diese Spuren finden wir bis in die jüngere Zeit. Papst Johannes Paul II. nannte die Arbeit in seiner Enzyklika „Laborem Exercens“ aus dem Jahr 1981[ii] eine „Wohltat für den Menschen“, weil er sich darin „selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen mehr Mensch wird“

Erwerbsarbeit als Element von Freiheit und sozialem Aufstieg

Auch wenn solche Gedanken gerade bei jüngeren Menschen heute auf Unverständnis und Entsetzen stoßen, diese Vorstellungen beeinflussten maßgeblich die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Europas, allen voran die der Niederlande, Schottlands und Englands. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus und der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert änderte sich die Wahrnehmung von Arbeit erneut. Arbeit wurde weniger religiös, sondern als Mittel zur persönlichen Bereicherung und zu sozialem Aufstieg gesehen. Jedoch waren Ausbeutung von Arbeitern in Fabriken und Minen die hässliche Seite der Medaille.

Viele Philosophen haben sich mit der Ethik der Arbeit auseinandergesetzt. Immanuel Kant betonte die Würde der Arbeit und ihre Rolle bei der Selbstverwirklichung des Individuums. Für Karl Marx war Arbeit der grundlegende Akt, durch den Menschen ihre Welt gestalten und sich selbst verwirklichen. Friedrich Nietzsche argumentierte, dass Arbeit eine Quelle der Selbstdisziplin und der persönlichen Stärkung sei.

Heute müssen wir feststellen, dass die Chancen zur aktiven Freizeitgestaltung aus guten Gründen eine hohe Wertschätzung genießen. Es sind auch in einem auskömmlichen Umfang finanzielle Mittel etwa für Urlaub oder jedwede Art von Hobby vorhanden. Viele Erwerbstätigkeiten können im Grad der persönlichen Erfüllung da nur schwer mithalten. So ist gut erklärbar, warum der Sinn von Erwerbsarbeit mehr hinterfragt wird. Auch die fairere Lasten- und Chancenverteilung in den Familien macht hohe Belastungen in der Erwerbsarbeit schwierig.

Arbeit ist Anstrengung, aber nur Anstrengung schafft Wohlstand

Dennoch, der Wohlstand unserer Gesellschaft beruht auf Anstrengung, auf guter Ausbildung, hoher Arbeitsmoral und einer starken Konzentration auf die Erwerbsarbeit. Die Erwartung mancher Zukunftsforscher, die wie Jeremy Rifkin schon vom „Ende der Arbeit“ oder einer „post-arbeitsorientierten Gesellschaft“ sprachen, scheint, betrachtet man unsere aktuell besorgniserregende wirtschaftliche Wettbewerbsposition, nicht aufzugehen. Aber es ist ein Versagen der politischen und wirtschaftlichen Elite, einen großen Teil der Gesellschaft ohne fundierten Widerspruch in die falsche Richtung laufen zu lassen.

Wie so oft, wenn man in das Archiv der Ludwig-Erhard-Stiftung schaut, stellt man auch hier fest: Diese Debatte, die wir in den heutigen, von Streiks beeinflussten Tagen, führen, ist keineswegs neu. In seiner Regierungserklärung als Bundeskanzler 1963 sagte Ludwig Erhard[iii]: „Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes.“ Diesen Satz werden wir in Deutschland wieder hören müssen. Je früher diese unbequeme Ehrlichkeit vernehmbar wird, desto weniger werden sich viele Menschen später enttäuscht von den Regierenden abwenden.

[i] Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Samstag, 11. Juli 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0000679.

[ii] Laborem Exercens Nr.9.3, in: Texte zur Katholischen Soziallehre 1982, S.581

[iii] Ludwig Erhard: Wohlstand für Alle, S. 368

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