In zwei Tagen feiern wir die Heilige Nacht. Geschützt in unseren Wohnungen und hoffentlich umgeben von Familie und Freunden kann jeder auf seine ganz persönliche Art innehalten und in sich gehen. Das jedenfalls wünsche ich Ihnen allen. Und ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gut geht, Sie die friedlichen Tage genießen und Kraft tanken.

Die Welt um uns herum ist nicht friedlich. Auch unser Land ist in Unruhe. Das nächste Jahr wird beträchtliche Herausforderungen mit sich bringen. Unsere Regierung kämpft mit sich und mit den Zweifeln an ihren Plänen. Doch jenseits der Tagespolitik werden wir den Jahreswechsel in einer Welt feiern, die keinen Frieden hat, in einer Welt, in der der Wettbewerb der Systeme wieder aufgeflammt ist, eine Welt, in der unsere Freiheit nicht mehr unbestritten ist. Neben dem unsäglichen Leid, das Putin über die Ukraine und auch sein eigenes Land gebracht hat, sind die Juden im Staat Israel Opfer mörderischer Attacken und stehen in einem existenziellen Krieg. Auch unsere jüdischen Mitbürger in Deutschland sind Anfeindungen ausgesetzt, die man nur als ekelhaft empfinden kann.

Ludwig Erhard zuhören

Die Herausforderungen unterscheiden sich im Prinzipiellen nicht. Es geht um Würde, Freiheit, Selbstbestimmung, ganz egal ob sie aus Moskau, Teheran oder einem anderen Ort der Welt bedroht werden. Auch Ludwig Erhard setzte sich mit diesen Herausforderungen auseinander. Ich möchte ihn aus einer Rede, die er anlässlich der Wiedereinweihung der Alten Synagoge in Worms am 3. Dezember 1961 hielt, zitieren:

 „Immer dann, wenn der Mensch die Gesetze und Maße, die Gott gegeben und gesetzt hat, zu sprengen sucht, beginnt das Unheil. Immer dann, wenn die Materie den Geist überlagert, wird das Leben seelen- und geistlos.

Und es gilt weiter: Immer, wenn Menschen und Völker nicht mehr die Kraft und den Willen aufbringen, sich gegen Unterdrückung und Unfreiheit zu wehren, dann geht die Sonne über freien Menschen und freien Nationen unter. Die Geschichte des jüdischen Volkes zeugt zugleich auch für die innere Kraft und jenen starken Glauben, zu dem Gott die Menschen bereitet hat.

Auch wir Deutsche, gleich welcher Religion oder politischer Gesinnung, wissen, daß in dieser bedrohten Welt mehr auf dem Spiele steht als die Sicherheit unserer Arbeitsplätze, als die Ruhe und Geborgenheit unserer Heime und ein bequemes Leben. Es ist die Existenz der Völker und der Menschheit schlechthin, die durch furchtbare Waffen gefährdet erscheint.

Wer in solcher Stunde nicht seinen Standort findet, wer jetzt noch nicht erkennt, dass alte Denkvorstellungen und oft auch bloße Scheinwerte der Nationen und Völker vor einem gemeinsamen Schicksal und einer uns gleichermaßen bedrohenden Gefahr versinken, wer es noch immer nicht begreift, daß nur ein treues Zusammenstehen uns unsere Zukunft sichert, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Für alle, die in der Unterdrückung leben, kann es nicht mehr denn eine Hoffnung sein, aus der aber dennoch der Glaube Kraft schöpfen kann, daß sich mit Gewalt die Welt nicht regieren läßt und daß sich Gewalt zuletzt immer auch sich selbst heraus zerstören muss. […]

Wer solcher Wahrnehmung gegenüber stumpf ist, wer nur vom Heute zum Morgen lebt, läuft Gefahr, sich selbst und alles zu verlieren. Das gilt auch für Völkerschicksale.

Wie wäre wohl – so drängt sich an dieser Stelle die Frage auf – das so tragische vierte und fünfte Jahrzehnt unseres Jahrhunderts verlaufen, wie anders auch hätte sich das Schicksal unserer Völker gestaltet, wenn wir um das Jahr 1930 etwas mehr von jenen Kräften erkannt hätten, aber auch von den unauflösbaren Zusammenhängen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Daß unsere Vorstellungswelt solcher Kenntnis und Phantasie entbehrte, gab verbrecherischen Elementen die Möglichkeit, jenes Inferno der Schrecken auszulösen.

Ich spreche über diese Dinge, weil ich glaube, daß wir aus der Geschichte lernen müssen, auch wenn diese Geschichte noch Gegenwart ist. Denn diese eine Aussage bleibt jenseits und über alles Tagesgeschehen hinaus absolut gültig: Menschen und gleichermaßen auch Völker können nicht zusammenleben, können nicht gedeihen, wenn in ihnen und in ihren Beziehungen nicht die Gesetze der Gesittung und der Moral gelten. Wohin die Nichtachtung dieser Werte im Völkerleben und in der Politik führen kann, haben wir leidvoll genug erfahren, und gerade diese Stätte hier ist steinerner Zeuge dieses Niedergangs. Lassen wir die Mahnung nicht verhallen!“

Freiheit erträgt keinen Hass

Im Jahr 1965 erreichte Ludwig Erhard die diplomatische Anerkennung Israels, ein wichtiger Schritt zu dem, was wir heute die deutsche Staatsräson nennen. Ebenso unbeirrbar stritt er gegen eine Anerkennung der DDR und für die damit verbundenen Aufgabe der Verantwortung für die Freiheit aller Deutschen. Wenn wir heute über die Unterstützung der Ukraine in ihrem so blutigen Kampf für ihre Freiheit, aber auch bei der Unterstützung ihrer Integration in die Europäische Union und die NATO streiten, sollten wir das im Auge haben. Für mich ganz persönlich gehört dazu auch, der Ukraine endlich die Waffen zu geben, mit den sie gewinnen kann.

Freiheit erträgt keinen Hass. Und für Hass auf der offenen Straße gibt es keine Freiheit. Wir sollten gerade in diesen Tagen alle das Nötige tun, dass bürgerliche Zivilcourage und eine entschlossene Staatsgewalt dafür einstehen.

Wir haben die Mittel, die Welt besser zu machen

Bei allen Herausforderungen sollte uns klar bleiben: Wir leben nach schlimmen Zeiten jetzt in Freiheit. Wir leben auch dank Ludwig Erhard alle in einem Wohlstand, um den uns die Welt beneidet. Unser Rechtsstaat ist ein Garant von Gerechtigkeit und das Sozialsystem ein Garant für menschenwürdiges Leben. Unsere Erfindungen haben die Welt besser gemacht und können das im Zeitalter der Belastung unseres Planeten wieder tun. Eine solche Gemeinschaft hat unter dem Weihnachtsbaum keinen Grund und kein Recht zur Resignation. Wir haben eine Pflicht. Wir müssen im neuen Jahr wieder hinausgehen und mutig unser Bestes geben.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und Kraft für ein gutes neues Jahr. Ich wünsche Ihnen Optimismus, ob sie ihn in ihrem Glauben oder durch selbst erkundete Wege finden.

PS: Den nächsten Kommentar der Ludwig-Erhard-Stiftung werden Sie am 13. Januar 2024 erhalten.

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