Nachruf
 
09. Feb 2018
VON: FRANK SCHÄFFLER

Martin Grüner (* 19. Juli 1929, † 4. Februar 2018)

Es wird öffentlich viel über Politiker geschimpft. Gerade jetzt, wo sich die neue Große Koalition bildet. Doch Politiker sind so vielfältig wie das Leben. Es gibt die Eintagsfliegen, die PR-Profis, aber auch die soliden Arbeiter. Zu letzteren gehörte Martin Grüner. Am vergangenen Sonntag verstarb der Schwabe in seiner Wahlheimat Bonn im Alter von 88 Jahren.

Das Attribut „solider Arbeiter“ klingt auf den ersten Blick nicht spannend. Dabei ist es eines der besten Dinge, die man über einen Politiker sagen kann. Die PR-Profis etwa mögen die Massen begeistern. Die eigentliche Aufgabe der Politik – Probleme zu lösen – wird in der Regel von den „soliden Arbeitern“ erledigt. Martin Grüner war ein Liberaler, ein Marktwirtschaftler im Erhard’schen Sinne und ein Politiker, der das Machbare im Auge hatte, ohne seinen inneren ordnungspolitischen Kompass zu verlieren. Nach juristischer Ausbildung in Tübingen und Hamburg und Stationen in der Schwarzwälder Uhrenindustrie war er von 1969 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1972 bis 1990 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und im Bundesumweltministerium.

Fast zwanzig Jahre, von 1997 bis 2014, versah er gewissenhaft das Amt des Schatzmeisters der Ludwig-Erhard-Stiftung, der er seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag angehörte. Als ich vor drei Jahren „Prometheus – Das Freiheitsinstitut“ als klassisch liberalen Think Tank in Berlin gründete, gehörte Martin Grüner zu den regelmäßigen Unterstützern. Grüner hatte erkannt, dass es nicht ausreicht, die richtige Partei bei Wahlen zu unterstützen, sondern dass es auch einen gesellschaftlichen Unterbau braucht, der ein gesellschaftliches Klima für eine marktwirtschaftliche und freiheitliche Politik in Deutschland schafft. Erst dann verändern sich Parteien in ihrer Programmatik und tragen diese Inhalte ins Parlament und in die Regierung.

Neben seiner angenehmen und bescheidenen Art, war für ihn wichtig, dass die Stimme der Marktwirtschaft in Deutschland Gewicht behält. Dafür engagierte er sich seit Studententagen. Die Wende 1982 von der sozial-liberalen zur christlich-liberalen Koalition war für ihn prägend. Er war früh als Parlamentarischer Staatssekretär in die Erstellung des Lambsdorff-Papiers eingebunden, das dem Koalitionspartner SPD die aus Sicht der FDP notwendigen Reformmaßnahmen aufzeigen sollte. Am 9. September 1982 wurde es Helmut Schmidt vorgelegt. Die Koalition war wenig später zu Ende. In die deutsche Nachkriegsgeschichte ging das Lambsdorff-Papier als Scheidungspapier ein. Bei weitem nicht alle Reformvorschläge des Papiers hat die anschließende Regierung Kohl danach umgesetzt. Grüner beklagte einmal, dass schon damals die Anhänger einer marktwirtschaftlichen Ordnung in der Union in der Minderheit waren. So viel hat sich zu heute also nicht geändert.

Martin Grüner stand für einen leistungsfähigen, aber schlanken Staat. Er setzte sich für Steuersenkungen ein, weil er glaubte, dass der Einzelne besser mit seinem Einkommen umgehen kann als der Staat. Eine Renaissance müsste eigentlich seine Forderung von 1983 erleben, als er eine Beweislastumkehr bei der Aufgabenerledigung der öffentlichen Hand forderte. Der Staat müsse beweisen, dass er eine Aufgabe besser und günstiger erledigen könne als private Unternehmen.

Den Kurs in der Euro-Schuldenkrise ab 2010 sah er mit großer Sorge. Innerhalb der Ludwig-Erhard-Stiftung unterstützte er den im letzten Jahr verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Hans D. Barbier in seiner Kritik an der sogenannten Rettungspolitik des Euros. Barbier sagte damals: „Wer so rettet, der rettet den Euro noch zugrunde.“ Aber auch hier trat Grüner nicht in den Vordergrund, sondern unterstützte Barbier in den Stiftungsgremien. Das hat er zuvor bei seinem langjährigen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ebenso gehalten. Lambsdorff sagte einmal über Grüner: „Sie haben mir mein Amt tragen helfen.“

Deutschland verliert einen wichtigen Gestalter, Unterstützer und Freund der Sozialen Marktwirtschaft.

Frank Schäffler MdB ist Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung.

 

 
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