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Thomas Löffelholz (* 7. November 1932, † 15. März 2018)
Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik 1984 in der Redoute in Bonn/Bad Godesberg: die beiden Preisträger Dr. Thomas Löffelholz (links) und Professor Raymond Barre (Mitte), ehemaliger Premierminister von Frankreich, sowie Bundesminister a. D. Hermann Höcherl (picture alliance / Peter Popp)
23. Mrz 2018
VON: LUDWIG-ERHARD-STIFTUNG

Thomas Löffelholz (* 7. November 1932, † 15. März 2018)

Am 15. März 2018 ist Dr. Thomas Löffelholz im Alter von 85 Jahren verstorben. Als langjähriges Mitglied der Jury des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik (1994–2014) engagierte er sich vor allem beim Förderpreis für den journalistischen Nachwuchs. Die Ludwig-Erhard-Stiftung nimmt Abschied von Thomas Löffelholz, der sich unermüdlich für Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft eingesetzt hat. Nachfolgend veröffentlichen wir seine Preisrede aus dem Jahr 1984, als er selbst, damals Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“, mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet wurde.

Über wirtschaftliche Herausforderungen und die Gestaltungskraft der Ordnungspolitik

Von Dr. Thomas Löffelholz

Dies ist für mich – wie könnte es anders sein – eine bewegende Stunde. Es hat in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik sicher nur eine Handvoll von Männern gegeben, die in entscheidenden Augenblicken durch ihren ganz persönlichen Einsatz Weichen gestellt und Geschichte gemacht haben.

Ludwig Erhard war einer von ihnen. Seine Entscheidung für die Soziale Marktwirtschaft im Jahre 1948 – eine ziemlich einsame Entscheidung, kurz nachdem die CDU in Ahlen noch die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien gefordert hatte –, hat die junge Republik in eine Richtung gelenkt, die sie bis heute beibehalten hat. Dass Sie mir einen Preis zugesprochen haben, den Ludwig Erhard stiftete, erfüllt mich mit großer Freude. Ich danke dafür von Herzen.

Ich danke besonders Herrn Minister Höcherl und Graf Lambsdorff für die freundlichen und anerkennenden Worte, die sie für meine Arbeit gefunden haben. Ich freue mich darüber besonders, weil zwischen Journalisten und Politikern immer ein kritisches Spannungsfeld besteht, Nähe einerseits und Distanz andererseits. Nähe zum Beispiel, wenn man, genau wie Präsident Barre, Minister Höcherl und Graf Lambsdorff, die Nächte in Brüssel durchwacht hat – nur draußen vor der Tür.

Und dann kamen sie morgens heraus und erzählten das, was gemacht worden war, natürlich im Bewusstsein, dass sie Wichtiges für Europa geleistet hatten. Und man selbst saß da und musste sich überlegen, wohin und wie weit das führen werde und ob dies nun wirklich die beste Lösung sei. Distanz also. Der Journalist hat ja gegenüber dem Politiker den Vorteil, dass er nicht in die Sachzwänge der Realpolitik eingepresst ist, sondern es sich ein bisschen leichter machen kann. Sie haben es mir nachgesehen. Dafür danke ich Ihnen auch.

Die Tatsache, dass die Verleihung dieses Preises mit einem kleinen Festvortrag verbunden ist, den der Geehrte zu halten hat, stürzt mich freilich in Verlegenheit. Was kann ich als Journalist, der – wie der Name sagt – für den Tag schreibt, bei so festlichem Anlass jenen tiefgründigen Bänden hinzufügen, die über die Soziale Marktwirtschaft und über Ludwig Erhard schon geschrieben wurden? Die ehrliche Antwort lautet: nichts.

Der Optimismus hat es schwer

Und so beschränke ich mich darauf, mich mit einigen Fragen auseinanderzusetzen, denen sich der Journalist, der über wirtschaftspolitische Fragen schreibt und der sich dafür einsetzt, dem Markt bei der Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung wieder mehr Macht zu geben, in den achtziger Jahren Tag für Tag gegenübersieht. Führen uns jene Marktkräfte – so sagen die Zweifler –, führt uns die politisch unkontrollierte Entwicklung immer neuer Technologien, führt uns die stete Ausweitung des industriellen Angebots nicht in eine Sackgasse? Da beschert uns der Markt Mikroprozessoren, und sie stellen das Büro auf den Kopf. Er produziert Roboter, die Arbeitsplätze besetzen, und er beschert uns neue Medien, von denen niemand weiß, wie sie die Zeitungs- und Fernsehlandschaft durcheinanderschütteln werden. Computer drängeln sich in die Haushalte, nisten sich in den Köpfen der Kinder ein, und es wird nicht vorab geprüft, wie sie sich auf das Zusammenleben der Menschen auswirken werden – zum Guten oder zum Bösen.

Wer wollte dies leugnen? Das wirtschaftliche Wachstum, die Arbeitsteilung, die Industrialisierung haben uns große Probleme gebracht. Und weil bekanntlich schlechte Nachrichten die wahrhaft guten Nachrichten sind, sind Zeitungen voll davon. Kalbfleisch ist verdächtig, Leber darf man nur noch mit Vorsicht essen, Bier erregt Krebs, den Eiern ist nicht zu trauen, das Grundwasser ist verseucht, der saure Regen fördert den falschen Krupp, der Stress treibt die Menschen in die Frühinvalidität und im Wald wird man bald auch nicht mehr spazieren gehen können. Seit 1972 der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ ausrief, hat man es schwer, den optimistischen Denkansatz der Marktwirtschaft hochzuhalten, der sagt, dass der Verbraucher durch seine Kaufentscheidungen die Produktion schon in die richtigen Bahnen lenken werde.

Muss man nicht tatsächlich Abschied nehmen von einem System, das darauf angelegt ist, immer Neues, Besseres und vor allem immer mehr zu produzieren? – „Man muss nicht alles machen, was man machen kann!“, sagen die Kritiker und sie fordern, dass demokratisch entschieden werde, was noch gemacht werden solle und was nicht mehr. Wer ihre Philosophie kennt, der weiß, dass bei ihnen der Zweifel gegenüber dem Neuen die Oberhand hat: Kernkraft – nein danke! Neue Medien – wozu? 130-Stunden-Kilometer – warum? Verkabelung – pfui Teufel!

Die Probleme der wachsenden Bevölkerung sind nicht durch Umverteilung lösbar

Ich stelle gegenüber solchen Zweifeln eine andere Frage: Welche Herausforderungen werden auf die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten zukommen? Und da gibt es eine, die – neben der Bewahrung des Friedens – alle anderen, so scheint mir, weit überragt: das Wachstum der Weltbevölkerung. Die Menschheit wird in den nächsten Jahrzehnten um einige Milliarden zunehmen. Ein gewaltiges Wachstum ist allein in der Alterspyramide angelegt; anders gesagt, die Weltbevölkerung ist ganz außerordentlich jung. Und das bedeutet, dass die Menschheit noch 70 Jahre lang wachsen wird – und zwar um Milliarden Menschen – selbst wenn es gelänge, von heute auf morgen überall die Zwei-Kinder-Familie als Norm durchzusetzen.

Die Herausforderung verknüpft sich mit einer zweiten: Die Bevölkerung wächst gerade in den armen Ländern. Gebieterisch werden diese Menschen verlangen, dass sich ihr Lebensstandard dem Wohlstand der Industrieländer anpasst. Dies heißt aber, dass an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Raumschiffs Erde gewaltige Anforderungen gestellt werden. Und man sollte sich dabei keinen Illusionen hingeben: Diese Herausforderungen werden – wenn überhaupt – dann nicht durch Ideologien des Verzichts gemeistert werden. Wer die Schwierigkeiten sieht, mit denen wir kämpfen, um auch nur jene bescheidenen 0,7 Prozent des Sozialprodukts für Entwicklungshilfe abzuzweigen – wozu wir uns vor vielen Jahren zumindest locker verpflichtet haben –, der kann sich nicht der Erkenntnis verschließen, dass Umverteilung kein Weg ist, um die Probleme der wachsenden Weltbevölkerung zu lösen; zumal die Reichen die wenigen sind und die Armen die vielen.

Die Schwierigkeiten werden auch nicht durch alternatives Wirtschaften gelöst werden, obwohl die Rückbesinnung auf solche einfachen Produktionsstrukturen gerade für die Dritte Welt große Möglichkeiten eröffnet. Trotzdem: Der entscheidende Beitrag zur Bewältigung der Zukunft wird auf einem Erdball, der immer dichter bevölkert sein wird, von neuen Technologien und von noch leistungsfähigeren Produktionsverfahren kommen müssen. Natürlich bringen sie auch Risiken mit sich. Natürlich wird sich vieles als Irrweg erweisen.

Doch sicher scheint mir, dass wir das Kapital, das wir brauchen, um neue Energien zu erschließen, um mehr Rohstoffe unter ungünstigeren Bedingungen zu gewinnen, aber auch um die Umweltbelastung zu vermindern, die diese explodierende Weltbevölkerung produziert, nur aufbringen werden, wenn wir auf die wirtschaftliche und technische Entwicklung setzen. Erdöl wurde am Anfang aus kleinen Brunnen gefördert. Heute holt man es mit Technologien, die vor ein paar Jahrzehnten noch kaum vorstellbar waren, unter dem Meeresboden hervor. Künftig wird man es vielleicht noch aufwendiger aus Teersänden und Ölschiefer gewinnen müssen.

Nicht Rückschritte, sondern moderne Technologie ist Erfolg versprechend

Natürlich ist es für philosophisch veranlagte Menschen reizvoll, vom einfachen Leben- zu träumen und es auch zu leben. Die Marktwirtschaft schließt alternatives Leben nicht aus, ganz im Gegensatz zu planwirtschaftlichen Systemen. Sie weigert sich allerdings, alternatives Leben zur allgemein verbindlichen Heilslehre zu erheben. Denn die Probleme der rasch wachsenden Welt wird man durch die Rückkehr zum einfachen Leben nicht lösen können und auch nicht lösen wollen. Jene Milliarden Menschen jedenfalls, die derzeit gezwungenermaßen einfach und alternativ leben, stellen sich die Zukunft anders vor.

„Global 2000“, die bedrückende Studie über die Zukunft der Welt, die für den amerikanischen Präsidenten ausgearbeitet wurde, geht davon aus, dass in Südostasien binnen einem Vierteljahrhundert die Hälfte des Waldes abgeholzt sein wird, in Südamerika 40 Prozent. Auch ein Waldsterben! Ein Waldsterben übrigens, das im Wesentlichen die Folge des Energie-, Rohstoff- und Landbedarfs der explodierenden Bevölkerung in jenen Regionen der Welt ist. Wir werden seiner nur dadurch Herr werden, dass wir Kapital und Technologie dagegenstellen. Und genauso werden wir den Wald in Europa mit Sicherheit nicht durch Feldzüge gegen das Automobil oder durch bürokratische Beschränkungen des Energieverbrauchs retten, sondern durch neue Technologien der Abgasreinigung, durch Filter, so groß wie ein Haus, und durch Katalysatoren in den Auspuffrohren.

Und wenn der Rhein heute viel sauberer ist als noch vor ein paar Jahren, dann doch nicht durch den untauglichen Versuch, in die Idylle vergangener Jahrhunderte zurückzukehren, sondern durch den Bau von Kläranlagen. Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gezeigt, dass wirtschaftliches Wachstum nicht zwangsläufig mit einer verschlechterten Umwelt einhergeht, obwohl ich die Gefahren nicht verkleinern will.

Der Staat muss den marktwirtschaftlichen Rahmen setzen

Natürlich sind viele dieser Erfolge nur dadurch erreicht worden, dass der Staat – Herr Professor Barre hat davon gesprochen – Rahmenbedingungen gesetzt hat. Dies ist überhaupt nicht gegen die Marktwirtschaft. Ihre Leistungsfähigkeit beruht ja gerade darauf, dass man von den Unternehmen die Produktion begehrter Güter zu einem möglichst niedrigen Preis verlangt und nicht von vornherein die Erfüllung aller möglichen anderer guter Zwecke.

Wo es um solche Dinge geht – in der Sozialpolitik, im Umweltschutz – muss der Staat Normen setzen. Sie sollten allerdings der Phantasie und dem Markt Spielraum lassen. Tempo 100 gegen das Waldsterben beispielsweise scheint mir eine phantasielose Regel, denn sie verlegt Ideen von vornherein den Weg, wie man abgasarm und 120 fahren kann.

Gelegentlich bedarf es noch nicht einmal der Normen. Der Markt – genauer, der Preis – korrigiert gewisse Fehlentwicklungen von selbst. Wenn wir heute mit weniger Energie produzieren und Auto fahren, so ist dies nicht die Folge bürokratischer Bestimmungen, sondern die Konsequenz der Knappheit und steigender Preise. Wenn Stahl heute mit einem Hundertstel des Wasserverbrauchs erzeugt werden kann, ist dies die Folge teureren Wassers.

Wir neigen dazu, die Chancen zu übersehen

Sie merken, meine Damen und Herren, worauf ich hinaus will. Ich glaube, dass wir uns davon lösen müssen, nur auf die Risiken und Gefahren wirtschaftlichen Wachstums und neuer Technologien zu starren und die Chancen zu übersehen. Ich weiß, eine solche Empfehlung gilt heutzutage bestenfalls als naiv, in der Regel aber als bösartig dumm, weil man ja über die offenkundigen Gefahren so unbedacht hinwegschaut.

Ich will dazu nur eine Bemerkung machen: Obwohl das Leben – liest man die eingangs zitierten Schreckensmeldungen über die Risiken der modernen Welt – offenbar ständig gefährlicher wird, ist die Lebenserwartung des Bundesbürgers in den siebziger Jahren binnen sieben Jahren um zwei Jahre gestiegen. Und sie steigt weiter. Mit dem Ergebnis, dass ein Mensch, der heute das Rentenalter erreicht, erwarten kann, noch ein ganzes Jahr länger zu leben, als der Bundesbürger es konnte, der vor knapp zehn Jahren in Rente ging. Was den Schluss nahe legt, dass ein Großteil jener furchterregenden Lebensrisiken, über die wir als Journalisten so getreulich berichten, darauf zurückgeht, dass wir mit verfeinerten wissenschaftlichen Methoden die Gefahren der Welt heute besser erkennen als unsere Väter und Großväter. Und wo tatsächlich neue Risiken aufgetreten sind, sollte man immerhin dagegen halten, welche Risiken und Krankheiten inzwischen für uns ihre Schrecken verloren haben.

Aber ich weiß, gute Nachrichten haben es schwer. Die Zweifler halten denn auch gleich der guten Meldung über die wachsende Lebenserwartung entgegen, dass der Bundesbürger heutzutage vielleicht alt werden möge: doch in welchem Zustand! Der durchschnittliche Arbeiter jedenfalls gehe heute mit 54 Jahren wegen Erwerbsunfähigkeit in Rente.

Ehe man hierüber freilich allzu laut klagt, sollte man sich erinnern: Die ganze Weltgeschichte hindurch bis noch vor wenigen Jahrzehnten war der Durchschnitt der deutschen Arbeitnehmer mit 54 Jahren tot. Weshalb ich geneigt bin, allen jenen Hiobsbotschaften über die neu entdeckten Gefahren dies kleine Postskript anzuhängen: Unter dem Strich aber leben wir länger. Leider kann man die gute Nachricht nicht jeden Tag neu bringen, während jeden Tag neu irgendwo eine unglückliche Entwicklung entdeckt wird.

Demokratische Entscheidungen über die Produktion von Gütern?

Und deshalb wird die Frage unserer wirtschaftlichen Zukunft heute schon unter den kuriosesten Blickwinkeln diskutiert. Da versammelten sich erst vor einigen Wochen in Bad Böll Bürger zu einer Tagung, deren Ziel es war, nützliche von unnützen Produkten der Industrie zu unterscheiden, weil man in der Verzichtsphilosophie einen Beitrag zur Lösung der Probleme dieser Welt sah. Nun habe ich, wie sicher jeder von Ihnen, ziemlich präzise Vorstellungen über tausend Dinge, die mir unnütz scheinen. Doch beim Vergleich unserer Listen würden wir bald herausfinden, dass unter dem ganzen Berg von unnützem Kram sehr viele Sachen sind, auf die der eine oder andere unter gar keinen Umständen verzichten würde. Sogar giftige Dinge sind dabei wie Zigaretten und Schnaps; aber auch kuriose Nebensachen – ein Lyrikband oder ein Brillantkollier oder ein Aquarium mit Fischen –, ohne die sich der eine oder andere ärmer fühlen würde.

Und das ist ja das Wesentliche des Marktes: Dass sich niemand in Bad Boll oder anderwärts zusammensetzt und beschließt, was nützlich ist und was nicht, sondern dass Dinge gemacht und angeboten werden – auch alternativ erzeugtes Gemüse –, selbst wenn sich nur Minderheiten für diese Güter interessieren. Vorausgesetzt nur, das Interesse reicht aus, den Preis dafür zu zahlen.

Jene Kritiker, die die Willkür des Marktes beklagen und fordern, dass demokratisch entschieden werden soll, was produziert wird und was nicht, sollten sich jedenfalls gut überlegen, ob sie mit ihren eigenen Wünschen – zum Beispiel nach einem Band Lyrik oder Essays in einer Auflage von ein paar hundert Stück – nicht sehr schnell unter die Räder kämen, wenn über das Unnütze wirklich demokratisch abgestimmt würde.

Aber es ist ja wohl eher so, dass viele, die da nach demokratischer Orientierung der Produktion statt „Willkür des Marktes“ rufen, in Wahrheit nur ihre eigene Wunschliste in Kraft gesetzt sehen wollen, einschließlich des Essaybandes und ohne den Gartenzwerg, den sich Lieschen Müller wünscht.

Die Auseinandersetzung um das private Fernsehen zeigt dies ganz deutlich. Die Sorge ist doch, dass hier ein Angebot auftauchen könnte, das der Mehrheit der Bürger besser gefällt als das öffentlich-rechtliche. Aber das ist ja eine alte Krux. Der Bürger wird immer nur dann zum mündigen Bürger geadelt, wenn er sich im Sinne der ihn jeweils begutachtenden Elite verhält. In allen anderen Fällen ist er ein rechter Dummkopf, den man vor sich selbst schützen muss.

Vielleicht scheint es Ihnen, als sei ich bei meinem Spaziergang durch die Probleme, mit denen sich der über die Wirtschaftspolitik schreibende Journalist immer wieder herumschlagen muss, ziemlich weit vom Wege abgekommen, und vermutlich ist dem auch so.

Lassen Sie mich zum Schluss immerhin versuchen, meine Überlegungen zusammenzubringen: Wichtig ist vor allem, dass wir die gewaltigen Herausforderungen, vor denen die Welt steht, nüchtern erkennen. Gemessen an den Problemen einer explodierenden Weltbevölkerung ist die Frage, ob in den Industriestaaten die Gürtel etwas enger geschnallt werden, verhältnismäßig bedeutungslos. Weit wichtiger ist, dass es gelingt, das nötige Kapital und die notwendigen Technologien bereitzustellen, um die Probleme der armen Länder zu lösen, einschließlich der Umweltprobleme.

Beide Aufgaben werden im Wesentlichen die Industriestaaten erfüllen. Zumindest werden sie die Vorarbeit dafür leisten müssen. Was zugleich heißt, dass man jene skeptische Attitüde aufgeben sollte, deren Wahlspruch ist: Man muss nicht alles tun, was man kann. Dies ist wörtlich genommen natürlich eine Binsenweisheit. Doch wenn man den Spruch beherzigend, dass man nicht alles machen müsse – sich der Kernenergie entgegensetzt und dem Breitbandkabel, dem Satellitenfernsehen und dem Computer, dem Roboter und der Gentechnologie –, dann wird man am Ende überhaupt nichts mehr machen. Denn wir werden nicht wissen, welche Wirkungen Computer oder neue Medien auf eine Gesellschaft haben werden – gute oder schlechte –, auch wenn wir darüber hundert Jahr debattieren. Gesellschaften sind zu komplexe Gebilde.

Leider droht die zweiflerische Mentalität gerade in den letzten Jahren wieder ein deutsches Markenzeichen zu werden. Wir sind ja von alters her für den Kulturpessimismus besonders empfänglich. Kein Wunder, wenn deutsche Erfinder heute klagen, dass ihre Erfindungen im Ausland oft bessere Chancen hätten als im eigenen Land. Ludwig Erhard war anders.

Nur der Markt kann sinnvoll zwischen Nützlichem und Unnützem trennen

Und jene optimistische Grundstimmung der Marktwirtschaft, die zunächst einmal die Chancen neuer Entwicklungen sieht, ist sicher unabdingbar, wenn wir dabei sein wollen, wenn die Probleme der Zukunft angepackt werden. Dies scheint mir auch für die Frage wichtig, wie wir in den kommenden Jahren mit dem Problem der Arbeitslosigkeit fertig werden.

Genau aus dem gleichen Grunde aber empfinde ich jene philosophischen Fingerübungen als fatal, die versuchen, Nützliches und Unnützes auseinanderzudividieren und das Unnütze, das im Zweifel das Wunderbare ist, aus unserem Leben zu verbannen. So werden sie die Welt, auch die Umwelt, nicht retten.

Damit keine Missverständnisse auftreten: Hier sollen keine Gefahren verniedlicht werden. Hier soll auch nicht behauptet werden, dass wir die Zukunft sicher bewältigen. Vor allem sehe ich die Gefahr, dass die Herausforderungen der wachsenden Welt schneller über uns kommen könnten, als wir Lösungen bereit haben.

Nur eines scheint mir sicher: Ohne Vertrauen in die Phantasie des Menschen und in die Chancen neuer technischer Entwicklungen – und das heißt auch, ohne Vertrauen in den Markt –, werden wir sicher scheitern.

Lesen Sie einen Nachruf auf Dr. Thomas Löffelholz, verfasst von Rainer Zitelmann.

 
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